VDS: Datamining und der "Datenraum"
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VDS: Datamining und der "Datenraum"         

Group: de.org.ccc · Group Profile
Author: Dominic Valerie Casare
Date: Aug 22, 2008 01:38

Quelle:
http://netzpolitik.org/2008/vorratsdatenspeicherung-data-mining-und-der-datenrau.../

Vorratsdatenspeicherung: Data-Mining und der “Datenraum”

Wie aktuelle Beispiele[0] zeigen, ist der beste Datenschutz noch immer
Datenvermeidung[1]. Denn wenn Datensätze einmal existieren, werden sie
allzu oft zweckentfremdet genutzt. Auch die Vorratsdaten wecken
Begehrlichkeiten bei “Bedarfsträgern” und Profilern. Welche
Möglichkeiten diese Datenberge für Data-Mining-Techniken bergen, ist nur
schwer vorstellbar.

Diese Gefahr versucht Oliver Leistert in seinem Paper Data Retention in
the European Union: When a Call Returns[2] in der aktuellen Ausgabe des
International Journal of Communication[3] zu illustrieren. Er
argumentiert, dass uns die Sprengkraft digitaler Datenberge wie die der
Vorratsdatenspeicherung gar nicht genügend bewusst ist, weil wir keine
bildliche Vorstellungskraft dafür entwickeln können. Um diesen Mangel
anzugehen, schlägt er die Metapher “Datenraum” (data space) vor, zu dem
die über Monate gesammelten Verbindungsdaten bei einer Gesamtbetrachtung
werden. Eine Datenbank mit dem chronologischen Abbild sämtlicher
Kommunikationsvorgänge wird navigierbar durch Raum und Zeit und bekommt
damit eine ganz neue Bedeutung.

Eine einfache Übersetzung des Abstracts:

Digital vorgehaltene Metadaten von Telekommunikationsverbindungen
verwandeln sich durch ihre Vorhaltung in ein Überwachungs-Programm.
Ursprünglich ledglich eine technische Notwendigkeit, werden Metadaten
mit der Vorratsdatenspeicherung in einen “Datenraum” gefüttert, der die
Zeit-Achse manipulierbar und navigierbar macht. Diese Massnahme ist
dabei nur ein Beispiel für die Errichtung von Post-9/11
Überwachungs-Technologien, die nicht mehr traditionell wie eine Kamera
beobachten, sondern die Bevölkerung mittels Computern regelrecht
prozessieren und verarbeiten. Da diese Datenverarbeitung noch relativ
jung und nur schwer sinnlich vorstellbar ist, sind deren Mächtigkeiten
nicht ausreichend reflektiert, geschweige denn im allgemeinen
Verständnis verankert. Um die Mächtigkeit der Vorratsdaten bildlich
vorstellbar zu machen, wird die Metapher eines “Datenraums”
ausformuliert, in dem Bewegungen zwischen und innerhalb von Daten
möglich sind.

Das Paper ist recht akademisch, der Autor führt viele interessante
Gedankengänge und Zusammenhänge aus. Er erläutert die unterschiedliche
Bedeutung von Kommunikationsdaten für Maschinen und Menschen und
illustriert das am Beispiel von IP-Adressen und Domains. Wenn diese
beiden symbolischen Welten jedoch miteinander verschmelzen, produzieren
sie etwas Neues. Dabei entsteht ein in Zeit und Raum navigierbarer, also
vierdimensionaler “Datenraum”. Ortsdaten wie die Funkzellendaten von
Mobiltelefonen stellen dies besonders plastisch dar, damit können
Bewegungen visualisiert und in eine navigierbare Form gebracht werden.

Für Profiler ist dieser Datenraum ein Schatz. Brachte die bisherige
Beobachtung der Kommunikation von Einzelpersonen jeweils sternförmige
Topologien zustande, kann man jetzt Netzwerke mit potentiell endloser
Tiefe generieren. Mit der enormen Rechenkraft moderner Computer ist
sogar eine mehr als vier-dimensionale Datenwelt möglich, da jede
topologische Konstruktion berechenbar wird. Mit weiteren statistischen
Methoden werden aus diesem präzisen Abbild der Vergangenheit sogar
Prognosen für die Zukunft.

Den historischen Inbegriff des allgegenwärtigen Überwachungsstaats, das
Panoptikum, hält der Autor jedoch hierfür für unzureichend. Da der
Einzelne im Panoptikum nie wissen konnte, ob er gerade überwacht wird,
verinnerlichte er deswegen ein konformes Verhalten, als ob er überwacht
würde. Die aktuelle sicherheitspolitische Entwicklung seit 9-11 kann
jedoch besser mit dem Begriff des Panspectron[4] beschrieben werden.
Dabei werden erst einmal so viel wie möglich Daten ohne einen
Anfangsverdacht gesammelt. Einzelne Individuen tauchen dann nur noch
auf, wenn konkrete Fragen (mittels Data Mining) beantwortet werden
müssen.

Das große Problem dabei ist jedoch, dass den Überwachten das Bewusstsein
dafür fehlt.

Links:
[0]
http://netzpolitik.org/2008/dieser-illegale-handel-mit-adress-und-kontodaten-sprengt.../
[1] http://www.zeit.de/online/2008/34/datenschutz-praevention
[2] http://ijoc.org/ojs/index.php/ijoc/article/view/302
[3] http://ijoc.org/
[4] http://firstmonday.org/issues/issue11_7/braman/index.html

Copyleft: CCNC http://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/de/
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