Re: Gesellschaft im digitalen Wandel
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Re: Gesellschaft im digitalen Wandel         

Group: de.org.ccc · Group Profile
Author: Dominic Valerie Casare
Date: Jul 20, 2008 03:05

On Fri, 18 Jul 2008, Ralf Wachinger wrote:
> * Dominic Valerie Casare wrote:
>> On Tue, 15 Jul 2008, Ralf Wachinger wrote:
>>> * Dominic Valerie Casare wrote:
> [Geschäftsleute und Privatleute]
>> Richtig. Das macht durchaus einige 'Mittelsmaenner' obsolet, aber nicht
>> gleich den Privatmann zum Geschaeftspartner, oder sehe ich das falsch?
> Ich halte die "binäre" Aufteilung reell für nicht haltbar. Stefan R. hat
> in seinem kürzlichen Posting schon
> etwas dazu geschrieben, dem ich zustimmen kann.

Der Geschaeftsmann zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er einen
Mehrwert erwirtschaftet und dieser will versteuert werden. Der
Gesetzgeber besteht auf diesem Unterschied zwischen Geschaeftsmann
und Privatmann ausdruecklich, schon im ureigensten Interesse. Analog zu
der hier besprochenen Problematik kann man den Bereich 'Schwarzarbeit'
betrachten: Diese ist verboten, weil es einem geschaetflichen Betrieb an
der Steuer vorbei gleichkommt. Hingegen ist Nachbarschaftshilfe oder
z.B. das Angebot von Dienstleistungen in Rahmen eines Tauschringes(!)
durchaus erlaubt, obwohl das auch mit dem Angebot eines Geschaeftsmanns
fallweise - ungewollt - 'konkurriert'.
>>> Auch der einfache Privatmensch wird somit zunehmend zum ernsthaften
>>> Konkurrenten für die Industrie. Was für den Ersteren eine Chance ist,
>>> ist für die Zweitere eine Bedrohung.
>> Wie oben gesagt, kann ich dem nicht ganz folgen. Ein Konkurrent tritt in
>> den Wettstreit mit einem (anderen) Anbieter und es geht dabei um die
>> Bewirtschaftung eines Marktes. Der Kunde ist a priori kein Konkurrent,
>> denn ihn treibt ein voellig anderes Interesse. Dieses Interesse zu
>> erkennen und aufzugreifen, waere der notwendige Schritt auf der
>> Anbieterseite. Den potenziellen Kunden aber zum 'Konkurrenten'
>> umzudefinieren, damit man sich selbst nicht veraendern muss und
>> stattdessen rechtlich gegen ihn vorgehen kann, gilt imo nicht.
> Ich meine jetzt nicht den Kunden, sondern denjenigen, der etwas
> anbietet.

War etwas ungluecklich ausgedrueckt; 'Kunde' meint auch im ersten Fall
den /potenziellen/ Kunden resp. Privatmann. Sein Angebot ist einerseits
die Reaktion auf eine bestimmte Nachfrage, die der Geschaeftsmann nicht
bedienen wollte und teilw. immernoch nicht will, zum anderen auch ein
potenzielles Geschaeftsfeld, fuer welches sich kein Geschaeftsmann
interessiert.
> Dann wird er als Konkurrent wahrgenommen. Ob er das wirklich
> ist, oder ob er nur so eingestuft wird, ist zweitrangig.

In diesem Fall versuche ich die rechtliche Position zu finden, denn die
ist im Zweifel entscheidend. Also ganz grob: Wie wuerde ein Richter
geschaeftsmaessiges und privates Auftreten unterscheiden, oder wuerde
er da wirklich gar keinen Unterschied mehr machen?

[oeffentliche und private Information]
> Ich denke, dass diese strikte Trennung zwischen privat und öffentlich
> realistischerweise nicht aufrechterhalten werden kann, gerade weil sich
> Informationen über das allumfassende Netz so leicht verbreiten. Die
> einzige Möglichkeit, dass sich Daten schwerer verbreiten, wird sein, sie
> gar nicht erst (elektronisch) zu erfassen.

Genau.
> Aber auch das wird im totalen
> Informationszeitalter nicht möglich sein, denn es lebt davon, dass Daten
> gesammelt und erfasst werden. Das ist auch ein Kernpunkt des
> Datenschutzes: Sobald die Daten gesammelt sind, sind sie zugreifbar.

Darum braucht es in erster Linie Regelungen, die *diesen* Umstand
beruecksichtigen und verbieten, dass mehr (sensible) Daten als
unbedingt noetig erhoben werden, weil man das Risiko der
Veroeffentlichung (oder gar des mutwilligen Missbrauchs) nunmal nicht
ausschliessen kann (siehe VDS, T-Gate).

[Uebergang ins Informationszeitalter]
>> Der grundsaetzliche Unterschied zwischen frueher und heute ist der
>> quasi eliminierte Zeitfaktor fuer die Verbreitung von Informationen.
>> Wenn irgendwo auf der Erde eine neue Information auftaucht, dann ist die
>> gleichzeitig potenziell *ueberall* in der Welt aufgetaucht, weil das
>> Internet ein globales Echtzeit-Medium ist. Sehr gut nachzuvollziehen war
>> dies beim Erdbeben in Sichuan/China. Noch bevor sich die chinesische
>> Staatsfuehrung darueber einig war, wie und wann man dies gegenueber der
>> Weltoeffentlichkeit zu kommunizieren gedenkt, hatten irgendwelche Leute
>> die ersten Meldungen schon direkt aus dem Brennpunkt 'getwittert'. China
>> blieb dann eigentlich nichts anderes mehr uebrig, als progressiv mit der
>> Situation umzugehen und die Flucht nach vorn anzutreten - voellig
>> entgegen ihrer ueblichen Gangart. So schnell war keine der etablierten
>> Nachrichtenagenturen und einmal veroeffentlicht, war die Nachricht auch
>> nicht mehr 'einzufangen', konnte sich nur noch rasant ausbreiten. Ich
>> denke mal, diese Eigendynamik der Informationsausbreitung im Netz war
>> China in diesem Fall ebenso 'unangenehm', wie der MPAA eine
>> unautorisierte Veroeffentlichung eines neuen Blockbusters unmittelbar
>> vor Kinostart.
>>
>> Worauf ich hinaus will, sind im wesentlichen zwei Aspekte:
>>
>> Zum ersten, es macht im Prinzip keinen Sinn, sich dieser 'Eigendynamik'
>> zu widersetzen. Man kann Gesetze schmieden, die Informationsverbreitung
>> unter Strafe stellen, aber wenn ein einziges Individuum sich davon nicht
>> beeindrucken laesst, dann ist das ganze System torpediert. Egal ob es
>> um Konzern- oder Staatsinteressen dabei geht.
> Du schreibst nun selber, dass es schwierig ist, etwas geheim bzw. privat
> zu halten. Jetzt denk an das Geschriebene weiter oben.

Ich schrieb das ganz bewusst. Mein Standpunkt ist, dass *jeder* fuer
sich diese Einordnung vollziehen muss:

Was sind meine *privaten* Daten?

-> Die muss ich unbedingt schuetzen, hoechste Prioritaet. Das darf ich
keinem Zufall ueberlassen.

Welche Daten (von mir) koennen/sollen in die Oeffentlichkeit gelangen?

-> Diese *kann* ich nicht mehr schuetzen. Diese *werden* sich
ausbreiten.

Sich allein auf Datenschutz- oder eben Urheberrechtsgesetze zu
verlassen, ist im Informationszeitalter eben absolut keine Garantie.
>> [Idealismus im Prinzip positiv]
>>> Es ist wie in '1984'. Der einzelne hat keine Chance gegen das System,
>>> die Masse hätte jedoch schon eine Chance, aber sie ist halt die Masse,
>>> die sich leicht lenken und unterdrücken lässt, weil sie sich ihrer
>>> eigentlichen Macht nicht bewusst ist.
>> In der Vernetzung erwacht diese Macht allmaehlich. Das wird den 'alten'
>> Machthabern - egal ob aus Reihen der Politik oder der Wirtschaft (gibts
>> da ueberhaupt noch nen Unterschied?) - zunehmend unheimlich bewusst. Und
>> im Bereich P2P tritt genau dieser Aspekt auch sehr deutlich hervor. Die
>> Menschen brauchen keine Vermittler mehr, weil das Netz im Prinzip jeden
>> mit allen verbindet - egal wo sie leben. Austausch ist moeglich und es
>> spielt dabei absolut gar keine Rolle, um was fuer Daten es sich handelt.
>> Wichtig ist, dass es in Echtzeit zwischen zwei nahezu beliebigen Punkten
>> auf der Erde jederzeit stattfinden kann und das es immer mehr fuer ihre
>> persoenlichen Zielsetzungen zu nutzen verstehen.
> Für mich spielt es eine Rolle, um was für Daten es sich handelt und
> welche Zielsetzungen dahinter stehen. Diese indifferente Welt, die Du da
> malst, geht in Richtung Faustrecht.

Sie bezieht sich primaer auf grundlegende Buergerrechte: Recht auf
Privatssphaere (inklusive Fernmelde- und Briefgeheimnis), Recht auf
freie Meinungsaeusserung, Recht auf informationelle Selbstbestimmung und
schliesslich das brandneue Recht auf Vertraulichkeit und Integritaet von
IT-Systemen. Wenn man kontrollieren will, welche Daten freie Buerger
miteinander austauschen, sollte man dafuer schon einen *sehr* guten
Grund haben, der einen schwerwiegenden Eingriff in die Grundrechte
rechtfertigt.

Natuerlich sorgt das Briefgeheimnis dafuer, dass per Post gewisse
illegale Gueter versandt werden koennen. Ebenso ist es ueber den
klassischen, telekommunikativen Weg moeglich, z.B. Absprachen zu
kriminellen Handlungen zu taetigen. Begegnungen auf oeffentlichen
Strassen und Plaetzen bieten auch allerhand Potenzial fuer illegales
Tun, erst recht wenn sich Menschen im geschuetzten Bereich einer wohnung
treffen. Was koennten sie dort alles aushandeln, austauschen,
verabreden?! Aber bisher begruendete sich das Rechtsverstaendnis in der
Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung wohl immernoch darauf, dass es
hoeher wiegt, diesen Bereich zu schuetzen, als moegliche Vergehen, die
darin unbemerkt ausgeuebt werden koennen, zu unterbinden. Irgendwie
scheinen sich viele mental schon von dieser Grundhaltung verabschiedet
zu haben (Schaeuble und Zypries ganz vorneweg).
>> Was also kann man vernuenftigerweise fuer Konsequenzen daraus ziehen?
> Dass sich ein allgemeines ethisches Bewusstsein entwickeln sollte.

Ich stimme natuerlich zu. Nur braucht es dafuer nicht ein paar 'gute
Vorbilder' oder so, an denen sich die Masse orientieren koennte?
> Genausowenig wie ich eine Staatsmacht bzw. eine Wirtschaftsmacht will,
> die nach Faustrecht handelt, will ich eine Masse, die dergestalt
> handelt. Eigenständig und ethisch denkende Individuen halte ich für
> notwendig, keine inhumanen Machtagglomerationen.

Siehst du einen praktikablen Weg dorthin?

Anders gefragt: Hat die Jugend, die durch die hiesige 'Bildungs-
Apartheit' geschleust wird, ueberhaupt eine andere Chance, als sich auf
die eine oder andere Weise mit der Raubtier-Mentalitaet des
'Haifischbeckens' anzufreunden und dann nur nach dem Prinzip des
maximalen persoenlichen Vorteils zu leben?
>> [freie vs proprietaere Software]
>> Na gerade bei den Windows-Systemen ist doch *nur* ein Betriebssystem mit
>> ein paar Basisanwendungen vorinstalliert?
> Du hängst der Zeit hinterher. Auf den heutigen Heimanwender-Windows-PCs
> ist nicht wenig vorinstalliert, und leider nicht immer nur das, was man
> drauf haben möchte.

Was Windows angeht, haenge ich tatsaechlich der Zeit hinterher, weil ich
es nur aus der Distanz noch wahrnehme. Ich habe auch keinen Grund, etwas
an diesem Zustand zu aendern.
>> Bei einer gaengigen Linux-Distribution hat er schonmal jede Menge
>> davon im Paket, mit den jeweils aktuellsten Versionen und spezielle
>> Sachen kann er sich einfach uebers Web nachinstallieren.
> Gibt es da einen großen Unterschied heutzutage zur Windows-Welt (von den
> Kosten im Gesamten einmal abgesehen)?

Kann ich nicht konkret beantworten, die Frage, weil mir fehlt der
Einblick auf der 'anderen Seite'. Ist z.B. MS-Office schon regulaerer
Teil des Windows-OS, wird also mitgeliefert und defaultmaessig
installiert? Frueher war das jedenfalls nicht so.
>>> Dann kommt die Hardware dazu, für die es zwar Windows-Treiber gibt,
>>> jedoch keine oder nur unzureichende Treiber für andere Betriebssysteme.
>>> Ich habe im Laufe meiner privaten Computerzeit andere Betriebssysteme
>>> ausprobiert (OS/2, BeOS, SuSE-Linux), aber die fehlende oder
>>> unzureichende Hardwareunterstützung war immer wieder ein Problem.
>> Also das mit SuSE-Linux muss jetzt schon ein *gutes* Stueck
>> zurueckliegen, oder?
> Anfang des Jahrtausends. Wohlgemerkt: Ich schließe nicht von damals auf
> heute, da hat sich wohl einiges verändert.

*lach* Ach was... ;)
>>> Windows dagegen passte letztendlich immer wieder wie angegossen zur
>>> Hardware.
>> Nunja, mitunter wurde auch schonmal die Hardware ans Windows angepasst.
>> Das ist aber eher ein Bsp fuer 'wie man es nicht machen sollte'.
> Stimmt. Nur gibt es bis jetzt noch keine Open-Hardware als Ergänzung zu
> Open-Software und Open-Content. Das ist ja auch ein Kernpunkt. Die
> FOSS-Gemeinden sind von den Hardware-Herstellern abhängig.

Ich sehe da aber langsam Bewegung, seitens der Hersteller. Die Nachfrage
nach einem freiem (im Sinne von Unabhaengigkeit) Betriebssystem steigt
doch kontinuierlich an und dem wollen sich auch die Hardwarehersteller
nicht verschliessen, sofern sie nicht gerade unter Druck gesetzt werden,
seitens namhafter Softwaregiganten. Was sie noch lernen muessen ist,
nicht nur die Linux-Treiber fuer ihre Hardware zu liefern, sondern auch
die Quellen offen zu legen, damit etwaige Fehler zeitnah behoben werden
koennen...

[Kopieren == Banalitaet?]
>>> Es zu banalisieren, halte ich nicht für so gut. Das Kopieren sollte ein
>>> zielführender Akt sein. Zum Beispiel "ich kopiere Daten für ein Backup,
>>> damit sie nicht verloren sind, wenn mal meine Festplatte den Geist
>>> aufgeben sollte".
>> Bist du Buddhist? Ich meine, Achtsamkeit bei allem was man so tut, ist
>> prinzipiell lobenswert. Aber ueberlegst du tatsaechlich jedesmal, wenn
>> du zum Stift greifst, um dir etwas zu notieren genau, warum du das jetzt
>> machst, welche tiefere Bedeutung dieser - an sich banale - Akt genau
>> hat? Oder 'passiert' dir das einfach nur so, quasi automatisch? Ehrlich?
> Weder noch so extrem. Was ich in Deiner Argumentationslinie mehrfach
> feststelle, ist irgendwie eine polarisierend simplifizierte Sicht der
> Welt. Die reale Welt ist jedoch nicht einfach immer in Entweder-Oder
> aufteilbar.

Das stimmt schon, dass ich mitunter polarisierend argumentiere, da ich
mich grundsaqetzlich /gegen/ die radikal diskrimminierende Argumentation
der 'Copyright-Verfechter' in Stellung gebracht habe. Es mag teilweise
einem ausgewogenen Dialog etwas im Wege stehen... Andererseits zaehle
ich mich selbst zum Typus des Visionaers, der mental schon lange in
einer /besseren/ /Zukunft/ lebt und mitunter /von/ /dort/ /aus/ spricht,
um den Weg dahin zu zeigen. Sicherlich gibt es auch eine moegliche
/schlechtere/ Zukunft, aber die wollen wir ja alle nicht. Was es IMHO
nicht gibt, ist ein Festhalten an aktuellen oder gar eine Rueckkehr zu
alten Zustaenden. Der Zug ist in Voller Fahrt und man kann jetzt nur
noch nach vorne blicken, was sich da am Horizont abzeichnet.
>> Ich fuer meinen Teil speichere und loesche Daten mit der selben banalen
>> Routine, wie ich etwas auf ein Blatt Papier schreibe und vllt wieder
>> durchstreiche... Besondere Vorsicht ist da nur gegeben, wenn es an
>> sensible Daten geht, oder irgendetwas im System selbst. Das ist dann von
>> der Achtsamkeit in etwa zu vergleichen, mit einem persoenlichen Brief
>> oder offiziellen Anschreiben. Ganz allgemein mache ich lieber ein Backup
>> zuviel, als eines mal schmerzlich zu vermissen.
> Das ist bei mir nicht anders. Nur ist halt am Computer allgemein größere
> Vorsicht geboten als im Leben außerhalb der Computero- und
> Internetosphäre.

Fuer mich ist der Datenraum ein Lebensraum. Mich darin zu bewegen, hat
etwas sehr selbstverstaendliches an sich. Klar, durchaus auch mit einer
Art von Vorsicht verbunden, aber die ist zum grossen Teil schon so
intuitiv verankert, wie der Blick fuer den Strassenverkehr hinter dem
Steuer oder aehnliches. Ich muss mir das nicht sonderlich jedesmal
'vergegenwaertigen', denn 'es steckt einfach drin' und 'wirkt aus sich
selbst heraus'. Sowas nenne ich dann eben eine 'Banalitaet', obwohl es
das in der Lernphase gewiss nicht war. Es ist wie mit einer Sprache, die
man irgendwann spricht, ohne darueber nachzudenken oder die Worte noch
einzeln uebersetzen zu muessen. Auch eine Banalitaet - in diesem Sinne.
> Gerade dadurch, dass viele Leute alles anklicken,
> aufrufen, ansurfen, kopieren, installieren, was nicht bei 3 auf den
> Bäumen ist, sorgt bekanntlich für viel Ungemach.

*Hier* nicht. *Hier* kann man (noch) ganz entspannt klicken und
installieren. Einer markbeherrschenden Software-Monokultur sei Dank.

[...]
>>>> Gut, damit duerfte deine eigentliche Intention klar umrissen sein. ;)
>>> Und was hältst Du genau für meine eigentliche Intention?
>> Zum Zeitpunkt, als ich das schrieb, war ich davon ueberzeugt, dass du
>> Stefans eher 'konservativen' Standpunkt lediglich auf eine etwas
>> smartere Weise verteidigen willst und dein anfaengliches Eingehen auf
>> meine zentrale Argumentation nur eine - wenn auch sehr ueberzeugend
>> vorgetragene - rhetorische Strategie gewesen sein koennte. Nach deinem
>> zweiten Posting muss ich das etwas relativieren, oder du bist wirklich
>> ein Profi auf diesem Gebiet. ;)
> Ich verteidige letztendlich nur meine eigene Standpunkte. Und was
> Stefans Postings betrifft, so erscheinen mir seine Antwort-Standpunkte
> eher als teilweise interessengebunden-praktizistisch denn als
> konservativ.

Er will lieber das behalten, was er (noch) hat und um das nicht (auch
noch) zu verlieren, moechte er, dass wir alle gegenueber denen, die es
auf einen *radikalen* *Missbrauch* *des* *Urheberrechts* zugunsten ihrer
Profitinteressen angelegt haben, einen freundlichen Kuschelkurs fahren.

Ich glaube aber nicht daran, dass man die globale Content-Industrie mit
so etwas beeindrucken, geschweige 'besaenftigen' koennte, denn die
fahren knallhart ihren Kurs und nehmen prinzipiell immer mit was geht.
Zum Beispiel denke ich wirklich, dass DRM schon allein aus dem Grund
entwickelt wird, weil man sich ein profitables Geschaeft davon
verspricht. Alles was es dafuer noch braucht, ist ein ueberzeugender
Grund fuers Marketing, der es 'notwendig macht'. Ob es sinnvoll ist,
spielt dabei gar keine Rolle, solange man es nur verkaufen kann. Und
wenn es sich hinterher als Flop herausstellt, und alle ruecken wieder
davon ab, ist es auch egal, weil man hat ja das Geschaeft gemacht und
Profite eingefahren. Wenn man meint, man koennte die Wirtschaft durch
kooperatives Verhalten davon abbringen, diesen Deal zumindest zu
versuchen, sieht man die Welt wohl durch eine rosarote Brille.

Demgegenueber versuche ich Trends und Umbrueche aufzuspueren, die in
Richtung eines grundsaetzlichen Wandels zeigen und ich ergreife in
positiver Weise Partei fuer diesen Wandel, fuer die Veraenderung und
den damit einhergehenden Fortschritt - auch wenn das gewisse Risiken
und Nebenwirkungen fuer traditionelle Geschaeftsfelder impliziert.
> Ich sehe es so, dass Ihr Euch beide irgendwie festgefressen hattet. Ihr
> habt beide irgendwie Recht, nur seid Ihr halt auf zwei parallel
> verlaufenden Schienensträngen gefahren.

Ja. :)
> Die ganze Diskussion ist nicht
> uninteressant, aber es hatte sich halt schon arg im Kreis gedreht, auch
> deshalb habe ich mich entlurkt.
[...]
> Meine Ausführungen in den Postings sind nicht persönlich bzw. polemisch
> gemeint, sondern sollen zum Nachdenken und Hinterfragen anregen.

Ok.

[Apelle gegen das hemmungslose Kopieren]
>>> Auch wegen der Gefahr des Verlustes gibt es das Recht auf Privatkopien.
>> Das im Falle der DVD - und aller Medien, die ueber einen 'effektiven
>> Kopierschutz' verfuegen - schon ausgehebelt wurde. Ob sich jemand dran
>> haelt, ist natuerlich die andere Frage.
> Ja. Allerdings erzeugt sinnloses Tun-weils-halt-einfach-geht harte
> Gegenreaktionen, was zur Aufrüstung führt und ein Faustrecht zur Geltung
> kommen lässt, was zu einem Kriegszustand führt. Es gilt zu deeskalieren
> von allen Seiten her, sich zu Verhandlungen zusammenzusetzen. Ich sage
> nicht, dass das leicht ist, es kann schwerer zu bewerkstelligen sein,
> als einen Krieg zu führen.

Das ist schon aus dem simplen Grund extrem schwer, weil man hier
hochrangige Wirtschaftsvertreter und /Privatleute/ zusammenfuehren
muesste. Das geht eigentlich nicht zusammen. Die sogenannten
Volksvertreter, die hier Stellung fuer die Privatleute beziehen
muessten, sind leider eher Wirtschaftsvertreter... Die einzigen
Moeglichkeiten, die den Privatleuten bleiben, mit ihren Beduerfnissen
wahrgenommen zu werden, sind Konsumverweigerung und ziviler Ungehorsam.
Selbst Demonstrationen bleiben heute effektiv wirkungslos, schon da sie
immer mehr auf einen harmlosen Event-Charakter zurechtgestutzt werden,
der jede Demo fast wie eine Love- oder CSD-Parade erscheinen lasst,
aber nicht wie eine frustgeschwaengerte Kampfansage von unten nach oben.
>>> Ich will weder ein Moralapostel, noch ein Gesetzeshüter sein, jeder darf
>>> so frei handeln, wie er will. Aber niemand befindet sich im luftleeren
>>> Raum, jede Handlung hat Auswirkungen und Konsequenzen. Ich gebe das nur
>>> zu bedenken.
>> Das ist klar. Etwas theadralisch ueberhoeht gesagt: Der Weg zur Freiheit
>> hat seinen Preis und fordert so manches Opfer... ;)
> Weiters: Wer für Freiheit kämpft, sollte nicht nur seine eigene Freiheit
> im Auge haben, sondern die Freiheit aller.

Soweit es meine Argumentation betrifft: Ich beziehe Stellung fuer die
Freiheit des Austausches zwischen *Jedermann* (und -frau) auf diesem
Planeten. Da sind durchaus *alle* inbegriffen, selbst die, die diese
Freiheit aus diversen Gruenden fuer viele gern einschraenken moechten.

[Zwei Festplatten voller freier und proprietaerer Software]
>> Das Selbstverstaendnis des einen soll dem anderen zum Verhaengnis werden
>> koennen, obwohl er nichts anderes gemacht hat, als sich die Festplatte
>> mit allerlei Software 'zuzumuellen', die er vllt nie wirklich brauchen,
>> geschweige produktiv nutzen wird. Warum soll man das also /verbieten/,
>> solange er nicht versucht, seinerseits die Software wieder zu verkaufen
>> oder sie fuer sein Business zu verwenden?
> Das Verhalten, das verboten wird oder zum Verbot ansteht, kann man auch
> so interpretieren: "Ich kann und ich will, also tue ich es."
>
> Das drückt letztendlich Faustrecht aus,

Fuer mich drueckt sich da erstmal das Recht auf freie Entfaltung aus.
Faustrecht wird es erst dann, wenn irgendjemand dabei bzw dadurch zu
Schaden kommt. Genau dieser "Schaden" war so ein zentraler Streitpunkt
in dieser Diskussion. Schaden muss man IMHO nachweisen koennen, sonst
ist eben keiner entstanden. Bei einer Kopie ist jedoch kein Schaden
nachweisbar. Man kann nur spekulieren - was waere wenn? Aber das ist
weitab von einem Nachweis und entbehrt zumeist jeder realistischen
Grundlage. Oder anders ausgedrueckt: Meine Freiheit endet dort, wo
die Freiheit des Anderen beginnt. Der Akt einer Kopie - abgelegt auf
einer Festplatte - beeintraechtigt jemandes Freiheit nicht im
geringsten. Es kommt sehr darauf an, was mit der Kopie im weiteren getan
wird (oder eben nicht).
> Wilder Westen, wer schneller
> zieht, überlebt, und so soll das Netz nicht werden. Das ist die
> brachialkommunistische Gegenveranstaltung zum Brachialkapitalismus.

Kein Kommunismus - eine neuartige /Oekonomie/ /des/ /Ueberflusses/.
> Wechselseitige Aufrüstung, bis jeder bis an die Zähne bewaffnet ist.
> Und alle Moderaten leider darunter. Das ist garantiert kein Gewinn.

Paradoxerweise foerdert dieser Kampf aber auch ne Menge Innovation. Die
leistungsfaehige P2P-Technik wird heute schon in professionellen
Projekten genutzt und tut dort gute Dinge. Diverse Anonymisierungstools
helfen politisch Verfolgten, ihre ungeduldete Meinung trotzdem kund zu
tun usw.
> Ich habe kein Mitleid mit der Industrie, trotzdem spreche ich ihr nicht
> die Freiheit ab, selber zu entscheiden, wie sie ihre Produkte vertreibt.

Ich finde aber, die Freiheit der Menschen hat Vorrang vor der Freiheit
der Industrie - wenn die auch als 'Koerperschaften' schon quasi-sozialen
Status annehmen koennen, so gibt es doch noch gravierende Unterschiede
zu *echten* Personen.
>>> Effektiv nichts. Es dreht sich doch um zwei verschiedene Umstände:
>>> Erstens die Verbreitung selbstgeschaffener Werke. Wenn Dich daran jemand
>>> hindern will, das darf nicht sein. Zweitens um die Verbreitung der Werke
>>> anderer. Wenn Du sie verbreiten darfst oder gar sollst, dann gilt das
>>> eben Geschriebene. Wenn Du sie nicht verbreiten darfst, dann handelst Du
>>> auf eigenes Risiko.
>> Zumindest so lange, bis man akzeptiert hat, dass man im
>> Informationszeitalter einmal veroeffentlichte Daten nicht an der
>> Verbreitung hindern kann. Das klappt nichtmal im Chinesischen Internet.
>> Ein radikales Umdenken halte ich hier dringend fuer geboten.
> Man kann ein Umdenken aber nicht erzwingen. Oder sollen etwa chinesische
> Umerziehungsmethoden eingeführt werden?

Gewiss nicht. Ich hoffe auf Einsicht: Das, was man als Bedrohung sieht,
ist eigentlich eine Chance. Der Weg, Kopien zu verhindern, wurde schon
seit den ersten frei verkaeuflichen Kopiergeraeten beschritten und es
hat sich ueber Jahrzehnte als aussichtsloser Kampf gegen Windmuehlen
erwiesen, der sich immer nur mehr beschleunigt hat, je effizienter und
verbreiteter die Kopiertechnik wurde. Das sehen so langsam auch die
ein, bei denen man auf ein Umdenken schon laengst nicht mehr zu hoffen
wagte[*]. Ich meine, man sollte diese Realitaeten erkennen und
akzeptieren. Alles andere ist nicht wirklich sinnvoll, weil nunmal die
ganze IT sich auf dem Akt des /Kopierens/ begruendet und das Volk schon
immer kopiert und getauscht hat. Ich fordere ein Umdenken bei einigen
Wenigen, die in Wirtschaft/Politik ansaessig sind. Demgegenueber muesste
man freilich viele /Millionen/ einer 'Gehirnwaesche' unterziehen, wollte
man erreichen, dass diese nun, an der Pforte zum Informationszeitalter,
damit aufhoeren, das zu tun, was sie schon die ganzen Jahre taten.

Es sind wirklich viele Millionen und es werden immer mehr. Hier ist eine
globale Masse in Bewegung und das schon seit es den Kassettenrekorder
gibt. Ich halte es nicht fuer moeglich, diese Masse noch irgendwie zu
bremsen, gerade jetzt, wo alle ins Internet draengen. Man sollte lieber
versuchen, konstruktiv damit umzugehen.

[*] http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/458/185872/
>> Wenn Leute Musik tauschen, dann eher, wenn oder weil sie diese gut
>> finden, nicht wegen dem 'Kick' am Risiko.
> Also: "Mir gefällt es, also will ich es, also hole ich es mir einfach."
>
> Ähnlich wie das Motto, das ich weiter oben genannt habe. Und der
> Kapitalist sagt: "Es bringt mir Profit, also will ich ihn, also
> verschaffe ich ihn mir einfach."
>
> Worauf ich hinauswill: Wo ist da der große Unterschied in den
> Denkweisen?

Der Unterschied liegt in der Intention und worauf sich die begruendet.
Der Kapitalist hat eine Verpflichtung gegenueber den Menschen (also der
Gesellschaft) und den Ressourcen, mittels welcher er sein Business resp.
Profitstreben betreibt. Das geht nur allzuleicht irgendwie unter.
>>> Und es gibt nicht nur die Schwarz-Weiß-Sicht nicht veröffentlichen oder
>>> veröffentlichen, sondern die Verbreitung inwieweit. Das engste ist zum
>>> Beispiel, wenn jemand etwas in sein elektronisches Tagebuch nur für
>>> seine eigenen Augen schreibt. Weiter geht es, wenn er jemandem etwas
>>> mailt, sagen wir mal, innerhalb einer Firma. Weiter, wenn es auch alle
>>> Kunden der Firma erfahren sollen. Noch weiter, wenn es die
>>> Öffentlichkeit erfahren soll.
>> Du beschreibst hier verschiedene 'Schutzzonen', die die Sicherheit der
>> darin befindlichen, exklusiven Daten gewaehrleisten sollen. Was von
>> drinnen nicht nach draussen gelangen darf, obliegt dem Verantwortlichen
>> fuer die Datensicherheit des jeweiligen Bereiches. Wenn er es nicht
>> schafft und die Daten gelangen auf den untersten Level (also in die
>> Oeffentlichkeit), dann sind sie zwangslaeufig 'vogelfrei' und
>> prinzipiell nicht mehr privat.
> Wie schon einmal gesagt, gibt es in der realen Welt allermeistens nicht
> einfache Entweder-Oders. Die Bereiche sind keine Bits mit den klar
> definierten zwei Zuständen '0 und 1' aka 'aus und ein'. Und dass
> verschiedene Daten einfach Information ist, das ist eine basistechnische
> Sicht. Da passt der Satz: "Man kann soziale Probleme nicht mit Techik
> lösen."

Das meinte ich nicht, sondern das Bewusstsein fuer die persoenliche
Verantwortlichkeit beim Umgang mit Informationen.
> Ich halte das für einen Kernsatz, der sich aus diversen Blickwinkeln
> beleuchten lässt und dabei das Licht immer wieder reflektiert.
>
> Wenn ein Anbieter zum Beispiel ein Musikstück zum Download gegen
> Bezahlung anbietet, mit der Einschränkung, dass es nicht weitergegeben
> werden darf, sondern es auch die anderen bei Bedarf bei ihm downloaden
> und bezahlen, dann hat er eine Schutzzone definiert.

Nein, das ist eben eine ganz und gar 'weltfremde' Sicht im Datenraum.
Etwa so wirksam wie ein Schild 'Rasen betreten verboten'. Es wird
freilich Leute geben, die sich dran halten, aber wenn wirklich *etwas*
*davon* *abhaengt*, dass keiner auf den Rasen tritt, dann *muessen* hier
noch andere Masznahmen ergriffen werden. Sonst ist schon der erste, der
die Sprache auf dem Schild nicht lesen kann, derjenige welcher, der das
'Verbot' missachtet. Von Kindern oder Hunden mal ganz abgesehen, die
sich herzlich wenig darum scheren, was auf irgendwelchen Schildern
steht.

Die Masznahme muss schon im Verhaeltnis dazu stehen, was bewirkt werden
soll und wie *einfach* resp. kompliziert es ist, dieses zu unterlaufen.

Das ist ja btw auch der Grund, warum der von dir zitierte Kommunismus
nicht funktionieren kann und eine Utopie bleiben muss.
> Und wenn viele meinen, sie müssten diesen virtuellen Zaun
> niedertrampeln, dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein
> gegenständlicherer Zaun aufgestellt wird, vor allem Kopierschütze. Und
> wenn viele meinen, sie müssten diesen Zaun wiederum niedertrampeln, dann
> wird ein noch gegenständlicherer Zaun aufgestellt, als
> hardware-basierter und -abhängiger Kopierschutz.

Gut moeglich, vllt wird es unumgaenglich darauf hinauslaufen, weil - wie
oben gesagt - es handelt sich nicht nur um eine Handvoll
'Unverbesserlicher', sondern es sind *Millionen* und viele davon sind
noch sehr jung und wachsen mit der Technik auf. Es ist aussichtslos, die
jetzt noch irgendwie schnell zu 'disziplinieren', zumal die Wirtschaft
sie und ihre Beduerfnisse im grossen Stil einerseits regelrecht
*befeuert* und andererseits *missachtet*.
> Wie schon geschrieben: Wechselseitige Aufrüstung. "Hockt Euch an den
> Verhandlungstisch und arbeitet eine allseitig akzeptable Vereinbarung
> aus, anstatt Krieg zu führen.", empfehle ich.

Mal sehen, vllt haben wir ja in ein paar Jahren mal einen echten
Verhandlungspartner fuer die Seite des Volkes[**]. :-)

[**] http://de.wikipedia.org/wiki/PIRATEN

Dominic
no comments
diggit! del.icio.us! reddit!