Re: Gesellschaft im digitalen Wandel
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Re: Gesellschaft im digitalen Wandel         

Group: de.org.ccc · Group Profile
Author: Stefan Reuther
Date: Jul 16, 2008 11:05

Dominic Valerie Casare wrote:
> On Tue, 15 Jul 2008, Ralf Wachinger wrote:
>>Der Clou in unserem Informationszeitalter ist doch, dass sich der reelle
>>Unterschied zwischen Geschäftsleuten und Privatleuten immer mehr
>>verwischt, weil die Information immer leichter und günstiger verbreitet
>>werden kann.
>
> Dem kann ich nicht ganz folgen. Der Unterschied zwischen Geschaefts-
> und Privatleuten definiert sich nach wie vor ueber das, was sie tun. Nur
> weil sich Privatleute (wie auch Geschaeftsleute) jetzt viel besser und
> direkter vernetzen koennen, heisst das imo nicht, dass Privatleute
> automatisch in eine Konkurrenzsituation zu den Geschaeftsleuten treten
> (was freilich gern behauptet wird).

Doch, natürlich heißt es das. Wenn du z.B. bei ebay ein Objekt suchst,
erhältst du sowohl Angebote von "Privatleuten", als auch Angebote von
"Geschäftsleuten". Und natürlich versuchen immer mal wieder windige
Geschäftsleute, die Privilegien, die Privaten gewährt werden, auszu-
nutzen (Ausschluss der Gewährleistung). Und genauso kommen immer mal
wieder Private in den Verdacht, eigentlich Geschäftsleute zu sein
(Haushaltsauflösung).

Ich halte so eine "scharfe" Aufteilung in privat und geschäftlich für
extrem schwierig. Im Fall von ebay ist sie nötig, wenn man das Verkaufen
von Dingen nicht in ein Privileg für lizensierte Händler wandeln will,
aber müssen wir das Problem auf andere Gebiete ausweiten?
>>Früher musste zum Beispiel ein Autor zumindest eine
>>Druckerei finden (bei Selbstverlag) oder einen Verlag, der sein Anliegen
>>umsetzte. Heutzutage kann er sein Werk einfach ins Netz stellen, da
>>braucht er höchstens entsprechend Webspace. Das Kopieren besorgen die
>>Downloader selbst. Desgleichen bei Musikern, die ihre Musik eigenständig
>>ins Netz stellen, usw.
>
> Richtig. Das macht durchaus einige 'Mittelsmaenner' obsolet, aber nicht
> gleich den Privatmann zum Geschaeftspartner, oder sehe ich das falsch?

Es ist einfacher, zum Geschäftsmann zu werden. Auch versehentlich. Der
Schüler, der ein 15-EUR-Shareware-Programm anbietet, ist schnell
Geschäftsmann. Ohne Netz wäre er einfach nicht auf die Idee gekommen, so
dass sich das Problem da nicht stellte.
>>Auch der einfache Privatmensch wird somit zunehmend zum ernsthaften
>>Konkurrenten für die Industrie. Was für den Ersteren eine Chance ist,
>>ist für die Zweitere eine Bedrohung.
>
> Wie oben gesagt, kann ich dem nicht ganz folgen. Ein Konkurrent tritt in
> den Wettstreit mit einem (anderen) Anbieter und es geht dabei um die
> Bewirtschaftung eines Marktes. Der Kunde ist a priori kein Konkurrent,
> denn ihn treibt ein voellig anderes Interesse.

Solange der Kunde einer ist, der "haben" will, ist er kein Konkurrent.
Sobald er "anbietet" schon.

[Idealismus im Prinzip positiv]
>>Es ist wie in '1984'. Der einzelne hat keine Chance gegen das System,
>>die Masse hätte jedoch schon eine Chance, aber sie ist halt die Masse,
>>die sich leicht lenken und unterdrücken lässt, weil sie sich ihrer
>>eigentlichen Macht nicht bewusst ist.
>
> In der Vernetzung erwacht diese Macht allmaehlich. Das wird den 'alten'
> Machthabern - egal ob aus Reihen der Politik oder der Wirtschaft (gibts
> da ueberhaupt noch nen Unterschied?) - zunehmend unheimlich bewusst. Und
> im Bereich P2P tritt genau dieser Aspekt auch sehr deutlich hervor. Die
> Menschen brauchen keine Vermittler mehr, weil das Netz im Prinzip jeden
> mit allen verbindet - egal wo sie leben. [...]
>
> Was also kann man vernuenftigerweise fuer Konsequenzen daraus ziehen?

Macht ist durchaus ein schickes Stichwort. P2P flächendeckend hat
durchaus das Potenzial, z.B. die MI/FI kaputtzumachen. Nur sehe ich
darin kein erstrebenswertes Ziel (auch, wenn die Industrie momentan
nicht wirklich ein angenehmer Partner ist und man auf einige Teile [z.B.
die Rechtsabteilungen :-] durchaus verzichten kann), da eben der Content
doch trotz aller Sauereien zur Lebensqualität beiträgt, und mahne daher
zur Mäßigung. Denn eine Welt, in der beide Seiten bis zu den Zähnen
aufrüsten - auf der einen Seite immer anonymere P2P-Netzwerke mit immer
frecher geklauten Filmen in immer besserer Qualität, auf der anderen
verriegeltes und verrammeltes DRM, mit dem sie die weniger technisch
versierten ausnehmen - kann nicht das Wahre sein.

[freie vs proprietaere Software]
>>>Meine ist bereits zu Gunsten der freien Software gefallen und ich habe
>>>es bisher nicht bereut. Manch einer hat mindestens ein ebenso
>>>zwiespaeltiges Verhaeltnis beim Gebrauch proprietaerer Software, von
>>>welcher er einfach nicht weiss, was sie so alles tut (oder nicht).
>>>Stichwort 'security by obscurity' oder 'automatisches Zwangsupdate'.
>>
>>Ich denke, die meisten Anwender interessiert nicht, was sich da alles
>>unter der Haube tut, sondern einfach nur, dass es tut. Und die Software,
>>die vorinstalliert ist, gehört für sie einfach zum Computer dazu.
>
> Na gerade bei den Windows-Systemen ist doch *nur* ein Betriebssystem mit
> ein paar Basisanwendungen vorinstalliert? Das heisst, der Anwender
> *muss* auf jeden Fall noch Software nachinstallieren.

Muss er nicht, die kauft er vorinstalliert mit. Das große Erwachen kommt
bei der irgendwann fälligen Neuinstallation. Rate mal, warum man als
Informatikstudent so beliebt ist :-) Weil eben eine Windows-Installation
doch nicht ganz so einfach ist wie eine Debian-Installation (bei meiner
letzten Windows-Installation für Verwandte durfte ich z.B. mit 'cd',
'dir' und 'type' [für Unixer: 'cd', 'ls', 'cat'] die Setupscripte
debuggen, weil das Ding immer in eine Endlosschleife von Reboots ging
und auf der Install-CD nicht mal ein Editor drauf ist).

Da dieses Ereignis so selten eintritt, wird der nächste Rechner wieder
mit Windows gekauft. "Der wird ja hoffentlich keine Neuinstallation
brauchen".
>>Der
>>Computer ist ein Gebrauchsgegenstand wie die gewohnten elektronischen
>>Geräte auch. Wer käme schon auf die Idee, bei einem Fernseher, einem
>>Radio, einer Stereoanlage, einem Videorecorder, erst Software zu
>>installieren. Der Computer ist halt eine modernere Kombiversion dieser
>>Geräte. Computer sollen das Leben erleichtern und verschönern, nicht
>>alles schwer machen und Sorgen bereiten, das ist die Werbebotschaft, und
>>sie wirkt.
>
> Hmm... Aber das koennte man doch mit den 'klassischen' Geraeten schon
> erreichen. Die besondere Qualitaet des Computers kommt doch nur in der
> Interaktionsfaehigkeit zum Tragen, erst recht in Verbindung mit seiner
> Faehigkeit zur Vernetzung. Zum Fernsehen oder Radiohoeren, braucht
> keiner einen Computer - wohl aber zum Surfen, Chatten, Spielen, Daten
> bearbeiten und/oder austauschen...

Dazu muss man aber keine Software installieren. Surfen, Chatten und
Konsumieren geht mit einem Windows out-of-the-box prima.
> Es braeuchte einen fundierten Informatikunterricht an den Schulen, auf
> welchen sich dann auch die Ausbildung der Medienkompetenz begruenden
> kann. Freie Software wuerde sich dafuer aus mehreren Gruenden anbieten
> und wer einmal mit den Grundlagen so richtig vertraut gemacht wurde,
> kommt auch mit einer leicht veraenderten Oberflaeche klar. ;)

Wo muss ich jetzt unterschreiben?

[Die Situation der Industrie]
>>>>Das Laisser-Faire der 'Normativen Kraft des Faktischen' halte ich nicht
>>>>für den richtigen Weg. Das Kopieren an sich ist kein kreativer Akt,
>>>>nicht mal ein sinnvoller.
>>>
>>>Es ist noch weniger: eine Banalitaet.
>>
>>Es zu banalisieren, halte ich nicht für so gut. Das Kopieren sollte ein
>>zielführender Akt sein. Zum Beispiel "ich kopiere Daten für ein Backup,
>>damit sie nicht verloren sind, wenn mal meine Festplatte den Geist
>>aufgeben sollte".
>
> Bist du Buddhist? Ich meine, Achtsamkeit bei allem was man so tut, ist
> prinzipiell lobenswert. Aber ueberlegst du tatsaechlich jedesmal, wenn
> du zum Stift greifst, um dir etwas zu notieren genau, warum du das jetzt
> machst, welche tiefere Bedeutung dieser - an sich banale - Akt genau
> hat? Oder 'passiert' dir das einfach nur so, quasi automatisch? Ehrlich?
>
> Ich fuer meinen Teil speichere und loesche Daten mit der selben banalen
> Routine, wie ich etwas auf ein Blatt Papier schreibe und vllt wieder
> durchstreiche...

Die Motivation ist die gleiche: Ich schreib's mir auf, damit ich's nicht
vergesse. Ich kopier's mir, damit ich's nicht verliere. Ich kopiere mir
den Zeitungsausschnitt, damit ich nicht zu $verwandtem tigern muss, wenn
ich ihn nochmal lesen will. Ich speicher mir das Youtube-Video, damit
ich's mir anschauen kann, ohne online zu gehen.

Aber welchen Zweck verfolgt das Freigeben eines DVD-Rips im Esel? Erzähl
mir bitte nicht, da steckten lauter Altruisten dahinter, die das
Weltwissen erhalten wollen. Nein, man bietet an, weil man muss, weil
einen sonst das Programm nicht weiteres Zeug runterladen lässt.
>>>Wenn etwas so simpel herbei- und hinfortzuschaffen ist, wie Daten auf
>>>einer Festplatte, dann ist das nichts, was man vernuenftigerweise
>>>irgendwie gesetzlich reglementieren muesste oder koennte. Ob man da
>>>jetzt an die einzelnen User appellieren will, es doch lieber bleiben zu
>>>lassen, steht auf einem anderen Blatt.
>>
>>Auch wegen der Gefahr des Verlustes gibt es das Recht auf Privatkopien.
>
> Das im Falle der DVD - und aller Medien, die ueber einen 'effektiven
> Kopierschutz' verfuegen - schon ausgehebelt wurde.

Und genau deswegen will ich den DRM-Krieg nicht weiter eskalieren
lassen. Ich will, dass die Hersteller mich kopieren lassen, und mir
vertrauen, dass ich das nicht im Übermaß tun werde, sondern ihnen auch
weiterhin gelegentlich etwas Geld zuwerfe, auf dass sie weiter prima
Filme machen. Kopieren können will ich genau dafür, das Verlustrisiko zu
minimieren. Und dann ist natürlich eine Platte voller MP3 einfach
handlicher als ein Regal voller CDs.

Ich weiß nicht, ob man in 5000 Jahren noch CDs decodieren können wird,
aber an BluRay wird man wohl wegen der Schlüssel scheitern. Wenn man
keinen Quantencomputer hat, der das mal eben knackt.
>>Jetzt schaltest Du plötzlich auf eine andere Sachfrage um. Es geht
>>darum, welchen Wert Menschen in Information sehen, individuell und
>>gemeinschaftlich.
>
> Ein Beispiel im Kontext: Wenn du heute eine aktuelle Linux-Distribution
> aus dem Netz laedst, sagen wir mal ein aktuelles SuSE-Linux, dann hast
> du eine prall gefuellte DVD mit einem sehr leistungsfaehigen
> Betriebsystem /UND/ hunderten von teilweise sehr umfangreichen
> Programmpaketen, auf aktuellem Stand. Zusaetzlich freien Zugriff auf
> Installationsquellen im Netz fuer noch viel mehr, teilweise sehr
> spezielle Anwendungen - von der CGI-Software uebr ein Tonstudio bis hin
> zur professionellen Programmierumgebung einschliesslich aller Quellen.
>
> Wenn du dir das proprietaere Komplement dazu vorstellst, also ein
> Windows-OS /plus/ Steinberg-Software, Photoshop, Visual-Sonstwie-
> Programmierumgebung, OfficeSuite, AutoCAD XX, Video-Editoren,
> Webpublishing-Software - weiss der Geier was - von unzaehligen kleineren
> Tools ganz abgesehen, dann kommst du auf einen 'Nominalwert' von vllt
> *etlichen* Zehntausend Euro fuer dieses Paket.
>
> Wenn du dir dieses schizophrene Verhaeltnis vorstellst, was bedeutet es
> dann in Bezuig auf den /Wert/ dieser Daten, sofern sie je auf einer
> Festplatte liegen? Ist die Linux-Distri nichts wert, weil man sie ganz
> einfach kostenlos bekommen kann?

Es gibt schon einen Unterschied zwischen monetärem und ideellem Wert.
Mein Stapel Debian-CDs ist mir ideell natürlich wesentlich mehr wert als
die 50 EUR, die ich dafür ausgegeben habe. Und die Entwicklungsumgebung
im Job nervt momentan mit Bugs und ist mir dafür ideell wesentlich
weniger wert als die $15k, die Cheffe dafür hingeblättert hat
(normalerweise ist sie ihr Geld wert, nur ist das letzte Update wohl
gehörig in die Hose gegangen).

Als Privatmann hast du nun die Möglichkeit, frei zu entscheiden. Mancher
gibt eben doch lieber Geld für Software in einer bunten Schachtel aus
als sich mit englischsprachigen HOWTOs zumzuärgern. Und vielleicht kann
AutoCAD ja doch das eine oder andere, was die freie Konkurrenz nicht
kann. Und vielleicht macht man Kompromisse. Obige Entwicklungsumgebung,
das letzte Update ausgenommen, rennt Kreise um Visual Studio und gcc
zusammen. Hätte ich gerne zu Hause. Will ich nur nicht bezahlen. Also
bleibe ich beim gcc.
> Das Selbstverstaendnis des einen soll dem anderen zum Verhaengnis werden
> koennen, obwohl er nichts anderes gemacht hat, als sich die Festplatte
> mit allerlei Software 'zuzumuellen', die er vllt nie wirklich brauchen,
> geschweige produktiv nutzen wird. Warum soll man das also /verbieten/,
> solange er nicht versucht, seinerseits die Software wieder zu verkaufen
> oder sie fuer sein Business zu verwenden?

Du meinst, weil Audacity kostenlos ist, sollte man als Privater auch das
Steinberg-Zeug kostenlos bekommen? Originell, immerhin.

Wie ich schon ausführte, bin ich recht froh darüber, dass ein
Schaffender die Kosten für die Erstellung seines Werkes halbwegs
praktikabel auf mehrere Kunden aufteilen kann. Somit kann er es sich
dann möglicherweise sogar leisten, eine kleinere Version seines
Programms zu einem überproportional reduzierten Preis an Privatleute
abzugeben. Eagle Light (EUR 49) hat unter Garantie nicht nur 1/30 der
Entwicklungskosten von Eagle Professional (EUR 1499) verschlungen.
>>Die Geldscheine aus dem obigen Beispiel, oder dieses
>>Posting. Der eine wird sagen "was für ein Stuss" und misst ihm keinen
>>Wert zu, er andere wird es interessant finden zum Lesen, Nachdenken,
>>Weiterdiskutieren. Oder einen hineingesteckten monetären Wert zur
>>Schaffung bzw. Beschaffung der Information. Einen vereinbarten Wert beim
>>Verkauf, einen angepeilten Erlös nach der Veröffentlichung.
>
> Wenn ich einen Geldschein kopiere, dann ist das u.U. eine Moeglichkeit,
> mir damit widerrechtlich /echte/ Werte anzuschaffen. Wenn ich eine Kopie
> von einer Software erstellt habe, dann ist das erstmal nur ein
> Datenpaket auf meiner Festplatte, kein 'Wert an sich'.

Das würdest du vermutlich anders sehen, wenn du dieses Datenpaket im
Schweiße deines Angesichts erschaffen hättest.

Natürlich *kann* eine Kalkulation so aussehen, dass man das Produkt an
Private kostenlos abgibt und dafür bei den Geschäftsleuten um so
kräftiger hinlangt. Aber muss aus dieser Option in deiner Welt eine
Pflicht werden?

Stefan
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