Re: Gesellschaft im digitalen Wandel
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Re: Gesellschaft im digitalen Wandel         

Group: de.org.ccc · Group Profile
Author: Ralf Wachinger
Date: Jul 13, 2008 12:21

* Dominic Valerie Casare wrote:
> On Sat, 12 Jul 2008, Ralf Wachinger wrote:
>> * Dominic Valerie Casare wrote:

[Urheberrecht und Software-Herstellerparteien]
>> Das Paradoxon lässt sich eigentlich nur auflösen, wenn die
>> Freie-Software-Gemeinde außerhalb der Marktwirtschaft steht.
>
> Wie gesagt: Wenn man die Geschichte von den Anfaengen her verfolgt, war
> das der Urzustand. Bis irgendjemand mal auf die Idee kam, die Software
> zu verschliessen und als eigenstaendiges Produkt auf den Markt zu
> bringen. Das heute OSS durchaus auch eine Option auf dem Markt
> darstellt, ist bereits ein Arrangement mit den geaenderten Umstaenden.

Ja, und das ist eine erfreuliche Entwicklung. Es bleibt nur zu hoffen,
dass sie nicht durch Extrempositionisten auf beiden Seiten torpediert
wird. Ich finde, es kann auch bei Konkurrenten gedeihlich gehen, wenn
kein Brachialkapitalismus und kein Brachialidealismus im Spiel ist. Auf
meinem PC schlagen sich die proprietäre Software und die
OpenSource-/Free-Software auch nicht gegenseitig tot.
>> Das
>> Urheberrecht, somit der Staat, schützt also hier jemanden gegen die
>> Industrie. Wenn diese sich nun ihrerseits gegen Leute, die im
>> industrie-eigenen Content Freiwild sehen, wehrt, weil sie sich halt
>> angegriffen fühlt, so darf sie sich nicht mittels des Urheberrechts
>> wehren, darf sich also nicht an den Staat wenden?
>
> Doch das darf sie freilich, weil die Rechtslage es ermoeglicht. Das ist
> btw kein wirkliches 'Henne-Ei-Problem', imo. Zuerst wurde das Copyright
> von der Industrie zu einer Art 'Waffe' umdefiniert (wie auch das
> Patentrecht) und dann standen die Urheber, die diese Entwicklung nicht
> in Ordnung fanden, ploetzlich unter Zugzwang, sich dagegen zu wehren,
> wenn sie ihren urspruenglichen, freiheitlichen Ansatz nicht verlieren
> und sich und ihre Arbeit von einer Lizenz-Industrie assimilieren lassen
> wollten.

Es ist ein Grundsatz des Kapitalismus, einerseits Informationen
geheimzuhalten, nämlich die eigenen nach außen und nach innen (jeder
Mitarbeiter soll nur soviel wissen wie er für seine Arbeit braucht) und
das, was die Konkurrenz noch nicht weiß, andererseits so viele
Informationen wie möglich einzuholen und zu nutzen (besonders über die
Konkurrenz, Stichwort: Industriespionage). Zudem wird versucht, die
Gesetze für sich so günstig wie möglich auszulegen und zu nutzen, und es
gleichzeitig den anderen so schwer wie möglich zu machen. Das ist nichts
Neues und deutlich älter als das neue Informationszeitalter.

Der freiheitliche Ansatz der FOSS-Gemeinden läuft dem einsteils zuwider,
und ist andernteils ein gemachtes Nest für die Industrie. Das hätte
eigentlich von vornherein klar sein müssen.

Wobei es andererseits bei mir ein zwiespältiges Gefühl hinterlässt, wenn
die softwaremäßige Freiheit nach dem Motto "Ich will[TM], dass alle
Software frei ist, freie Software ist gut[TM], proprietäre Software ist
böse[TM]." propagiert wird.

[Information und Materielles]
>> Das kostenlose Tauschen von Dateien hat einen Haken, mal abgesehen vom
>> Urheberrecht: Das Getauschte kann man nicht essen.
>
> Ich bin mir nicht ganz sicher, worauf du mit dieser Feststellung hinaus
> willst. Man kann die Information zwar nicht essen, allerdings durchaus
> konsumieren, also 'in sich aufnehmen' und man behaelt auf jeden Fall
> etwas davon in sich. Das ist ganz unabhaengig davon, wie man dazu
> gelangt ist und/oder ob das ueberhaupt ein freiwilliger, bewusster Akt
> war (siehe Werbung, die 'Beduerfnisse' weckt). Aber wahrscheinlich
> wolltest du noch auf etwas ganz anderes hinaus?

So ist es, und zwar: Wir in den heutigen, wohlhabenden Industrieländern
können uns die Informationsgesellschaft leisten. Frühers bei uns und
heute noch in den ärmeren Ländern sind einfach zu viele Menschen durch
die Erwirtschaftung von lebensnotwendigen Bedürfnissen gebunden.

Zudem ist dort die Informationstechnologie nicht so vorhanden. Für uns
sind Highend-Computer, Highspeed-Flatrates, Internet usw.
selbstverständlich. Noch Milliarden von Menschen jedoch können nicht an
diesem Informationsüberfluss der wohlhabenden Länder teilhaben.

Sicherlich können wir jetzt zum Beispiel hochmoderne Notebooks mit
Satelliten-Internet-Anbindung (notwendig wenn keine technische
Infrastruktur vorhanden ist) dorthin spenden, womit die Menschen leicht
am Informationszeitalter teilhaben können. Aber die Freude über die
herunterladbare Vielfalt verblasst, sobald sich der leere Magen rührt.
Und man kann niemandem per Internet eine Schale Hirse oder Reis zukommen
lassen, die den Hunger lindert.

[Die Situation der Industrie]
>> Eigentlich ja. Nur können sich die Produzenten diese gewaltigen Kosten
>> leisten, weil gewaltige Einnahmen hereingespült werden. Solange die
>> Leute bereit sind, viel zu zahlen, besteht auch kein großer Anreiz, die
>> Kosten zu senken.
>
> Darf man also daraus schliessen, dass, solange die FI noch solch
> aufwaendige Filme produzieren *kann*, deren Lage nicht wirklich als
> /prekaer/ einzustufen ist und sie somit das vermeintlich desastroese
> Problem mit den Filesharern gar nicht hat? Ich brachte in der Diskussion
> bereits das Bsp von einem, im Kino recht erfolgreichen, Dokumentarfilm,
> der lange vor offiziellem Kinostart bereits durch die Tauschboersen
> wanderte - in hervorragender Qualitaet. Es handelte sich um Michael
> Moores 'Sicko' und man vermutete, dass diese Kopie sogar von ihm selbst
> in Umlauf gebracht wurde, was wohl dann doch nicht der Fall gewesen
> ist[**]. Jedenfalls finde ich dieses Bsp besonders herausragend. Zum
> einen, weil es anschaulich widerlegt, dass Tauschboersen einen
> reduktiven Effekt an den Kinokassen haetten (den hat wohl eher die
> Entwicklung der durchschnittlichen Kaufkraft). Die meissten Filme kommen
> fruehestens mit Kinostart erst in 'freien Umlauf' - dieser hier hatte
> etwa einen halben Monat Vorsprung, was im Netz ganz schoen viel Zeit
> ist.
>
> Zum anderen, weil es sich bei dem Film nicht um einen 'Blockbuster',
> sondern um eine Dokumentation handelt, das 'Cineastische Erlebnis'
> gegenueber dem Konsum am heimischen Bildschirm also eher wenig zum
> Tragen kommt. Dieser Film haette, wuerde die Argumentation der FI
> greifen, an den Kinokassen floppen *muessen*. Es ist so gesehen
> unerklaerlich, warum er dies nicht tat - oder die Behauptung, exzessives
> Filesharing haette negativen Einfluss auf die Besucherzahlen in den
> Kinos, ist schlicht falsch.
>
> [**] http://de.wikipedia.org/wiki/Sicko#Schwarzkopien

Ich glaube auch nicht, dass es der Industrie so schlecht geht, wie sie
oft der Anschein erweckt. Präventive Melodramatik gehört mit zur
Geschäftsstrategie. Was meinst Du, wie die Erde unter den stampfenden
Beinen der Dinosaurier schwanken würde, wenn sie wirklich in einer
Notlage wären?

[Umgang mit den neuen Medien]
>>> B: Du hast als Kunde die Macht, es zu ignorieren. Dann wird es auch
>>> wieder verschwinden, genauso wie es gerade bei den Musikdownloads der
>>> Fall ist.
>> Das Blöde ist nur, dass die meisten Kunden ihre Macht nicht nutzen. Wenn
>> ein erheblicher Anteil der Leute die Produkte der Industrie einfach
>> ignorieren würde, dann würde diese mehr als alt ausschauen. Beachte: Es
>> ist völlig legal, ein Produkt nicht zu kaufen, wenn man es sich erst gar
>> nicht besorgt. Solange ein deutlicher Bedarf bzw. Wunsch nach den
>> Produkten da ist, ob ein Kunde jetzt bezahlt oder nicht, solange hat die
>> Industrie Oberwasser.
>
> Und damit ist sie in einer unanfechtbaren Position, denn sie hat die
> Macht, diese Beduerfnisse zu *generieren* (omnipraesente Werbung bzw
> 'aggressives Marketing') und das erreicht nicht nur die, die entweder
> vermoegend genug sind, diese Beduerfnisse mittels eigener Finanzkraft zu
> befriedigen und jene, die andererseits genug Charakterstaerke besitzen,
> sich von der Werbung gar nicht erst 'einfangen' zu lassen, weil sie
> wissen, dass sie es sich eh nicht leisten koennen. Nein es werden ja
> sogar bevorzugt jene adressiert, die eben besonders anfaellig dafuer
> sind und zumeisst ueber eher knapp bemessene Finanzmittel nur verfuegen.
> Ganz besonders zugespitzt kann man dies bei Marketing-Strategien sehen,
> die direkt auf Jugendliche und/oder sogar Kinder zugeschnitten sind.

Ich halte eine gesamtheitliche, vernetzte Sicht für dringend notwendig,
um die Problemstellungen überhaupt wirkungsvoll angehen zu können.

Dazu gehört zum Beispiel eine allgemeine Aufklärungsinitiative über den
verantwortlichen Umgang mit den modernen Medien, Stichwort:
Medienkompetenz, angefangen bei den Kindern und Jugendlichen im
Schulunterricht, weitergehend zum Beispiel in kostenlosen VHS-Kursen für
die Erwachsenen.

Das Laisser-Faire der 'Normativen Kraft des Faktischen' halte ich nicht
für den richtigen Weg. Das Kopieren an sich ist kein kreativer Akt,
nicht mal ein sinnvoller. Sich die Festplatte vollhauen, nur weils
kinderleicht geht, man massig Speicherplatz und eine Highspeed-Flatrate
hat, dem fehlt Sinn und Zweck, bzw. hat den Zweck der Angeberei bei
Jugendlichen, einen technikverliebten Selbstzweck bei Computer-Freaks,
und ist das Ziel naiv-idealistischer Datenbefreier. Wenn das mit "Alle
Informationen sollen frei sein" gemeint sein sollte, dann ist etwas
schiefgelaufen.

Das ist ähnlich zum irgendwann in diesem Mega-Thread gebrachten Beispiel
mit dem Geldkopieren mit Farbkopierern: Wenn das erlaubt wäre, dann
hätten wir bald eine wahnsinnige Inflation. Es wäre schade, wenn das
Internet und die Computer in der Zukunft nur noch als stupide
Massendatenproduktionsmaschinen dienten.

[Werbung]
> Wir haben uns wohl schon zu sehr damit abgefunden, dass es kaum noch
> oeffentliche Strassen oder Plaetze gibt, an denen *keine* Werbetafel
> positioniert ist (von Werbung in den Medien ganz zu schweigen) um das
> in irgendeiner Weise auffaellig oder anstoessig zu finden, obwohl das an
> sich eine Art /informationellen/ /Uebergriff/ der Industrie auf unser
> alltaegliches Leben und unseren Lebensraum darstellt. Das ist jedoch ein
> viel tieferliegendes Problem und sprengt diesen Rahmen hier etwas. Naomi
> Klein hat das sehr gut in ihrem Buch "No Logo"[***] herausgearbeitet
> (Empfehlung fuer weitergehend Interessierte an dieser Thematik).
>
> [***] http://www.naomiklein.org/no-logo

Das Internet ist auch voller Werbung, sie breitet sich auch dort aus,
dieser Verlockung können scheints immer weniger Werbungbringende
widerstehen.
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