Re: Gesellschaft im digitalen Wandel
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Re: Gesellschaft im digitalen Wandel         

Group: de.org.ccc · Group Profile
Author: Dominic Valerie Casare
Date: Jul 13, 2008 04:25

On Sat, 12 Jul 2008, Ralf Wachinger wrote:
> * Dominic Valerie Casare wrote:
>> On Thu, 10 Jul 2008, Stefan Reuther wrote:
[Grossteil von OSS basiert auf starkem Urheberrecht]
>> Das hatten wir ganz zu Beginn und es ist immer noch ein Pferd, welches
>> du vom Schwanz her aufzaeumen willst: Die GPL ist eine lizensrechtliche
>> *Notwehr*. Eine Art Selbstverteidigung, damit es auf lange Sicht
>> ueberhaupt noch irgendwelche freie Software (sprich: Software im
>> natuerlichen Zustand) und Entwicklung geben kann, bevor die
>> proprietaeren Codefresser alles verschlossen und patentiert haben. Es
>> ist suboptimal, dass so etwas noetig wurde, aber die Aggression ging
>> hier eindeutig von anderen aus. Besser waere eine Welt, die ohne sowas
>> auskommt; die ihre Quellen aus einem natuerlichen Selbstverstaendnis
>> heraus frei zugaenglich und offen haelt.
> Das ist mir voll verständlich. Dennoch spiele ich mal Advocatus Diaboli:
> Ich kann gewisse Parallelen zur Gegenseite sehen. Es wird nämlich das
> Urheberrecht in Anspruch genommen, um sich selber zu stärken, und um die
> eigenen Zielsetzungen zu erreichen, ohne dass man seine Strategie ändern
> muss.

Die Inanspruchnahme des Urheberrechtes /ist/ bereits eine Aenderung der
Strategie, zumindest soweit ich das ueberschaue (s.u.).
> Gesehen vom strikten marktwirtschaftlichen Standpunkt, wie im
> Abschnitt oben ausgeführt, kann dann kaum eine in sich erfolgreiche
> Marktstrategie zugrunde liegen, wobei Du eine solche von der Industrie
> forderst.

Nur dass die Zielsetzung hier urspruenglich keine marktwirtschaftliche
war, sondern einzig auf die Vermehrung und Verbreitung des Wissens und
des (informationstechnischen) Fortschritts um seiner selbst Willen, bzw
als Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft, ausgerichtet[*]. Die
markwirtschaftlichen Interessen /Einzelner/ haben sich dort
hineingedraengt und mittels der strategischen Anwendung von /Copyrights/
eine neue Situation geschaffen, die dem urspruenglichen Ansatz schlicht
die Daseinsgrundlage (freier Austausch von Informationen) zu entziehen
drohte.

[*] http://www.ulrich-hansen.de/hansen-opensource.pdf
> Das Paradoxon lässt sich eigentlich nur auflösen, wenn die
> Freie-Software-Gemeinde außerhalb der Marktwirtschaft steht.

Wie gesagt: Wenn man die Geschichte von den Anfaengen her verfolgt, war
das der Urzustand. Bis irgendjemand mal auf die Idee kam, die Software
zu verschliessen und als eigenstaendiges Produkt auf den Markt zu
bringen. Das heute OSS durchaus auch eine Option auf dem Markt
darstellt, ist bereits ein Arrangement mit den geaenderten Umstaenden.
> Das
> Urheberrecht, somit der Staat, schützt also hier jemanden gegen die
> Industrie. Wenn diese sich nun ihrerseits gegen Leute, die im
> industrie-eigenen Content Freiwild sehen, wehrt, weil sie sich halt
> angegriffen fühlt, so darf sie sich nicht mittels des Urheberrechts
> wehren, darf sich also nicht an den Staat wenden?

Doch das darf sie freilich, weil die Rechtslage es ermoeglicht. Das ist
btw kein wirkliches 'Henne-Ei-Problem', imo. Zuerst wurde das Copyright
von der Industrie zu einer Art 'Waffe' umdefiniert (wie auch das
Patentrecht) und dann standen die Urheber, die diese Entwicklung nicht
in Ordnung fanden, ploetzlich unter Zugzwang, sich dagegen zu wehren,
wenn sie ihren urspruenglichen, freiheitlichen Ansatz nicht verlieren
und sich und ihre Arbeit von einer Lizenz-Industrie assimilieren lassen
wollten.
>>> Das hatten wir schon. Niemand will Abnahmeverpflichtungen. Aber der
>>> Content-Hersteller hat offensichtlich etwas geschaffen, was die Leute
>>> haben wollen. Sonst würden sie's ja nicht kopieren wollen.
>> Das kannst du so nicht sagen, denn die Hemmschwelle beim kostenlosen
>> Angebot liegt naha null. Da wird ne ganze Menge mitgenommen, was man
>> sich nie gekauft haette - was man sonst vllt noch nichtmal kennengelernt
>> haette. Tauschboersen sind wohl auch ne riesen Fundgrube fuer zufaellige
>> Entdeckungen. Das geht in dieser auf Verlusst fixierten Rechnung unter.
> Das kostenlose Tauschen von Dateien hat einen Haken, mal abgesehen vom
> Urheberrecht: Das Getauschte kann man nicht essen.

Ich bin mir nicht ganz sicher, worauf du mit dieser Feststellung hinaus
willst. Man kann die Information zwar nicht essen, allerdings durchaus
konsumieren, also 'in sich aufnehmen' und man behaelt auf jeden Fall
etwas davon in sich. Das ist ganz unabhaengig davon, wie man dazu
gelangt ist und/oder ob das ueberhaupt ein freiwilliger, bewusster Akt
war (siehe Werbung, die 'Beduerfnisse' weckt). Aber wahrscheinlich
wolltest du noch auf etwas ganz anderes hinaus?

[Information != Materialgut]
>>> Wenn wir uns als Gesellschaft den Luxus von "Immaterial-Arbeitern"
>>> leisten wollen, muss aus Immaterialgut irgendwann Materialgut werden,
>>> denn von Immaterialgut wird man nicht satt. Das Immaterialgüterrecht
>>> versucht das etwa.
>> Ich habe auch nie etwas von einem 'Verkaufsverbot' fuer Informationen
>> gesagt. Man kann nur nicht die gleichen Maszstaebe auf die Informationen
>> anwenden, wie auf endlich begrenzte Materialgueter, die aus genau diesem
>> Grund der endlichen Begrenztheit einen besonderen Eigentumsschutz
>> geniessen.
> Die Informationen werden tatsächlich nicht verbraucht. Aber: Für die
> Schaffung der Informationen wird auch Materielles verbraucht. Zum
> Beispiel für den 100-Millionen-Dollar-Action-Spiefilm. Nicht nur das
> Geld, sondern auch Energie und Material, wie sagen wir mal die Autos,
> die herumfahren, Sprit verbrauchen und dann in Actionszenen zu Schrott
> gefahren werden.

Richtig und es wird auch - wenn der Film gut ist - mit betraechtlichem
Gewinn schon an den Kinokassen wieder hereingeholt. Der ganze sekundaere
und tertiaere Verwertungszyklus ueber die Verkaeufe von Videos/DVD und
Pay-TV-Lizenzen ist praktisch nur noch ein 'Sahnehaeubchen' oben drauf.
Es besteht kein Grund zu der Annahme, dass dieses Geschaeftsmodell durch
Leute, die solche Filme in Tauschboersen verbreiten, bedroht waere.
Schon allein aus dem Grund, weil das Kino einen besonderen
/Erlebnisfaktor/ fuer sich verbuchen kann, den man mit haeuslichem
Equipment einfach nicht erreicht, vom Reiz einer Abendgestaltung in der
Oeffentlichkeit ganz abgesehen.

Die ganze (seitens der Filmindustrie geschuerte) Aufregung dreht sich
also nur um den /Extra-Profit/, der /etwas/ geschmaelert wird, weil sich
vllt etwas weniger Leute zusaetzlich einen Film auf DVD kaufen, fuer den
sie bereits im Kino bezahlt haben, oder den andere wahrscheinlich nie
gesehen haetten, weil ihr Interesse daran nicht ausreichend war, um die
Huerde des Preises zu nehmen. Dahinter steht imo nur der Gedanke, dass
eine 'piratisierte' Kopie gleichzusetzen waere, mit einer nicht
verkauften Kopie. Die Rechnung geht aber /so/ nicht auf.
>> Wieviel von den $100M sind denn schon total ueberzogene Kuenstlergagen?
>> Das ist ja eher so ein hochgeschaukelter, voellig aus jeglicher Relation
>> gefallener Gradmesser. Wuerden die 'Cine-Stars' /vernuenftig/ bezahlt,
>> damit meine ich durchaus gut, aber nicht total abgehoben, wuerden sich
>> die Produktionskosten auch schon deutlich reduzieren. Hierbei vergisst
>> bzw unterschlaegst du geflissentlich, dass sich ne Menge Leute daran
>> gewoehnt haben, dass man sich mit Exklusivrechten trefflich bereichern
>> kann. Es wird auch hoechste Zeit, dass hier mal wieder ein Kontakt mit
>> dem Boden der Tatsachen hergestellt wird.
> Eigentlich ja. Nur können sich die Produzenten diese gewaltigen Kosten
> leisten, weil gewaltige Einnahmen hereingespült werden. Solange die
> Leute bereit sind, viel zu zahlen, besteht auch kein großer Anreiz, die
> Kosten zu senken.

Darf man also daraus schliessen, dass, solange die FI noch solch
aufwaendige Filme produzieren *kann*, deren Lage nicht wirklich als
/prekaer/ einzustufen ist und sie somit das vermeintlich desastroese
Problem mit den Filesharern gar nicht hat? Ich brachte in der Diskussion
bereits das Bsp von einem, im Kino recht erfolgreichen, Dokumentarfilm,
der lange vor offiziellem Kinostart bereits durch die Tauschboersen
wanderte - in hervorragender Qualitaet. Es handelte sich um Michael
Moores 'Sicko' und man vermutete, dass diese Kopie sogar von ihm selbst
in Umlauf gebracht wurde, was wohl dann doch nicht der Fall gewesen
ist[**]. Jedenfalls finde ich dieses Bsp besonders herausragend. Zum
einen, weil es anschaulich widerlegt, dass Tauschboersen einen
reduktiven Effekt an den Kinokassen haetten (den hat wohl eher die
Entwicklung der durchschnittlichen Kaufkraft). Die meissten Filme kommen
fruehestens mit Kinostart erst in 'freien Umlauf' - dieser hier hatte
etwa einen halben Monat Vorsprung, was im Netz ganz schoen viel Zeit
ist.

Zum anderen, weil es sich bei dem Film nicht um einen 'Blockbuster',
sondern um eine Dokumentation handelt, das 'Cineastische Erlebnis'
gegenueber dem Konsum am heimischen Bildschirm also eher wenig zum
Tragen kommt. Dieser Film haette, wuerde die Argumentation der FI
greifen, an den Kinokassen floppen *muessen*. Es ist so gesehen
unerklaerlich, warum er dies nicht tat - oder die Behauptung, exzessives
Filesharing haette negativen Einfluss auf die Besucherzahlen in den
Kinos, ist schlicht falsch.

[**] http://de.wikipedia.org/wiki/Sicko#Schwarzkopien

[DRM fuer Filme]
>> B: Du hast als Kunde die Macht, es zu ignorieren. Dann wird es auch
>> wieder verschwinden, genauso wie es gerade bei den Musikdownloads der
>> Fall ist.
> Das Blöde ist nur, dass die meisten Kunden ihre Macht nicht nutzen. Wenn
> ein erheblicher Anteil der Leute die Produkte der Industrie einfach
> ignorieren würde, dann würde diese mehr als alt ausschauen. Beachte: Es
> ist völlig legal, ein Produkt nicht zu kaufen, wenn man es sich erst gar
> nicht besorgt. Solange ein deutlicher Bedarf bzw. Wunsch nach den
> Produkten da ist, ob ein Kunde jetzt bezahlt oder nicht, solange hat die
> Industrie Oberwasser.

Und damit ist sie in einer unanfechtbaren Position, denn sie hat die
Macht, diese Beduerfnisse zu *generieren* (omnipraesente Werbung bzw
'aggressives Marketing') und das erreicht nicht nur die, die entweder
vermoegend genug sind, diese Beduerfnisse mittels eigener Finanzkraft zu
befriedigen und jene, die andererseits genug Charakterstaerke besitzen,
sich von der Werbung gar nicht erst 'einfangen' zu lassen, weil sie
wissen, dass sie es sich eh nicht leisten koennen. Nein es werden ja
sogar bevorzugt jene adressiert, die eben besonders anfaellig dafuer
sind und zumeisst ueber eher knapp bemessene Finanzmittel nur verfuegen.
Ganz besonders zugespitzt kann man dies bei Marketing-Strategien sehen,
die direkt auf Jugendliche und/oder sogar Kinder zugeschnitten sind.

Wir haben uns wohl schon zu sehr damit abgefunden, dass es kaum noch
oeffentliche Strassen oder Plaetze gibt, an denen *keine* Werbetafel
positioniert ist (von Werbung in den Medien ganz zu schweigen) um das
in irgendeiner Weise auffaellig oder anstoessig zu finden, obwohl das an
sich eine Art /informationellen/ /Uebergriff/ der Industrie auf unser
alltaegliches Leben und unseren Lebensraum darstellt. Das ist jedoch ein
viel tieferliegendes Problem und sprengt diesen Rahmen hier etwas. Naomi
Klein hat das sehr gut in ihrem Buch "No Logo"[***] herausgearbeitet
(Empfehlung fuer weitergehend Interessierte an dieser Thematik).

[***] http://www.naomiklein.org/no-logo

Dominic
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