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Agenturen würden während der Hacker-Kongresse beobachten, wer
was gehackt habe.
Der Artikel steuert noch bisher weitgehend unbekannte Details
bei: Der Rechtsanwalt der Eltern Trons behauptet, die Polizei habe,
statt sich auf die Suche nach dem Vermissten zu machen, zunächst
dessen Computer beschlagnahmt. Die Eltern seien überzeugt, dass ihr
Sohn noch leben könnte, wenn die Polizei ihren Hinweisen, dass
eventuell ein Verbrechen vorliege, nachgegangen wäre. Der Anwalt:
Boris’ Wissen sei „dreistellige Millionenbeträge“ wert, der junge
Mann aber nicht käuflich gewesen. „Das ist ihm zum Verhängnis
geworden.“ Es habe sogar mehrere Anwerbeversuche kurz vor Trons
Verschwinden gegeben.
„Jetzt, nach sieben Monaten“, resumiert die Taz, „steht die
Polizei kurz davor, die Akte zu schließen. Das vorläufige Ergebnis:
Suizid.“ Der Chefermittler gibt zu, dass Boris’ Eltern das Ergebnis
nicht akzeptieren würden. „Da kommen wir nicht auf einen
gemeinsamen Nenner.“ Auch die Mordkommission sei zunächst dem
Verdacht nachgegangen, dass es sich vielleicht um eine Geiselnahme
gehandelt haben könnte. „Ein solches Genie“ hätte immer Feinde.
Zwei Wochen nach Beginn er Ermittlungen glaubten die
Kriminalbeamten, ein ernstzunehmenden Motiv für einen Suizid
gefunden zu haben. Boris F. soll Angst gehabt haben, zur Bundeswehr
eingezogen zu werden. Auch Trons Freunde bestätigten diese
Vermutung, die aber, das räumt die Taz ein, nie bestätigt worden sei.
Das Obduktionsergebnis sei nach Angabe der Polizei „unumstößlich“.
Es lägen keine Hinweise auf ein Tötungsdelikt vor, es gebe „keinen
vernünftigen Ansatz für einen Mord“. Auch die Staatsanwaltschaft
sehe bisher keinen Ansatz für Fremdverschulden.
Offenbar hatte die Taz auch versucht, eine Stellungnahme des
Chaos Computer Clubs zu bekommen. Der ermittle „auf eigene
Faust“, man hülle sich aber derzeit „in vielsagendes Schweigen.“ Auf
der Internet-Seite des CCC liegt eine kurze Zusammenfassung der
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Diskussion während des letzten Kongresses im Dezember in Berlin3.
„Die Sache ist heiß. Sehr heiß. Und traurig.“ So lautete der lakonische
Kommentar, und es folgt der Hinweis: „Das sind aber auch schon die
einzigen eindeutigen Aussagen, die sich zu dem Fall Tron bisher
machen lassen.“ Tron sei kein gewöhnliches Mitglied des CCC
gewesen. Bei vielen der Teilnehmer des Kongresses sei der Wille zu
spüren gewesen, neben der „Trauer und Wut über den persönlichen
Verlust eines Freundes“, die Erinnerung an den Verstorbenen lebendig
zu halten, indem sein enormes Wissen „erhalten und weitergegeben“
werden solle. Für eine Selbstmord-Theorie gebe es bisher noch keinen
einzigen schlüssigen Beweis. Tron sei vielleicht etwas zu naiv
gewesen. Bei den Themen, mit denen sich Tron beschäftigt habe:
„Chipcard-Hacking“ und ISDN-Verschlüsselung, müsse man nicht
paranoid sein, um sich vorzustellen, „wer Interesse an diesem Wissen
- oder gerade an der Zurückhaltung dieses Wissens - haben könnte.“
Wenige Tage nach Escheinen des Taz-Artikels schrieb ein Can
Filip Sakrak in der Internet-Newsgroup
de.org.ccc: „Als ich zum
ersten Mal etwas über „Tron“ (Boris F.) gehört habe, habe ich sofort
ein neues Idol gefunden.“ Tron sei das beste Beispiel für einen Hacker
im wahren Sinn des Wortes gewesen. Das bedeute: „sich mit
bestimmten Themen bis ans kleinste Detail auseinandersetzen.“ Er
könne nicht verstehen, warum „einige Leute“ behaupteten, Tron hätte
Selbstmord begangen. Das Argument, er hätte sich vor dem Militär
gefürchtet, sei nicht überzeugend, da es als Alternative den Zivildienst
gebe. „Ich habe eine riesige Wut im Bauch. Als ich diesen Artikel
gelesen habe war ich kurz vor dem Weinen. Im Ernst.“4
Vor zehn Jahren, im Jahr 1989, war schon einmal ein Hacker tot
aufgefunden worden. Die Computerzeitschrift cÂ’t erinnerte in einem
Artikel an dieses seltsame Parallelität. Damals handelte es sich um
Karl Koch alias „Hagbard“, dessen verkohlte Leiche in einem
3
www.ccc.de/congress98/doku/271298-tron.html (wurde entfernt)
4
http://groups.google.com/groups?selm=
3750653B.A54683AE@gmx.de
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Birkenwäldchen gefunden worde, daneben die Reste einen
Benzinkanisters aus Plastik. „Es muss Mord gewesen sein, vermuten
einige seiner Freunde und Bekannten - KGB oder CIA hätten ihn
umgebracht, weil er zuviel wußte.“
Über diesen 23jährigen Hannoveraner Hacker, sein Leben und
seinen Tod kam jüngst ein Spielfilm mit dem rätselhaften Titel „23“ in
die Kinos, das Drehbuch schrieben Hans-Christian Schmid und
Michael Gutmann. Das zum Film passende Buch folgte5. Im
Klappentext heisst es, das Thema sei „das kurze Leben eines jungen
Hackers, der in das Machtspiel von Presse, Verfassungsschutz und
Geheimdiensten gerät.“ Die Freunde Karl Kochs hatten damals in
einer Todesanzeige geschrieben: „Karl wäre noch am Leben, wenn
Staatsschutz und Medien ihn nicht durch Kriminalisierung und
skrupellose Sensationsgier in den Tod getrieben hätten.“ „Hagbard“
sei ein sensibler Jugendlicher, der auf der „verzweifelten Suche nach
Geborgenheit und Anerkennung war.“
Karl Koch hatte sich, wie auch Boris F., ein Alias nach einer
Romanfigur zugelegt: Hagbard Celine ist der Held des Romans
„Illuminatus“6 von Robert Anton Wilson. Hagbard Celine versucht zu
verhindern, dass ein mächtiger Geheimbund, die „Illuminaten“, einen
dritten Weltkrieg heraufbeschwört. Die Zahl 23 ist den Illuminaten
heilig. Hagbard, so steht es im Roman, ist „ein wahnsinniger Genius,
höchst qualifiziert, fähig einer ganzen Reihe verschiedenen
Tätigkeiten innerhalb von Rechtswissenschaften und
Ingenieurswesen.“ Er bereist auf einem goldenen Unterseeboot die
Weltmeere. Ganz nebenbei entwickelt er den Computer „Fuckup“, der
das Schicksal der Welt vorhersagt, auf der Basis von I-Ging-
Hexagrammen. Karl Koch alias „Hagbard“ ist von dieser Figur
begeistert und in seine Rolle vernarrt. Er schreibt, dass er sich „in
meine Welt aus Büchern“ zurückgezogen habe.
5 Hans-Christian Schmid, Michael Gutmann: Dreiundzwanzig - 23 Die
Geschichte des Hackers Karl Koch, München 19986
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3423084774/
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Später fand er Anschluss an eine Gruppe von jungen
Computerfreaks. Während des Chaos-Communicaton-Congresses in
Hamburg 1985 traf er auf Gleichgesinnte. „Die Hacker verkörpern die
Zukunft“, schrieb er. Es habe etwas Berauschendes, „dass ein ganzes
EDV-System durch einen Befehl, der von mir eingegeben wird, zum
Arbeiten gebracht wird. Und schon hat man diese unvorstellbare
Kraft, verborgen im Inneren eines Computers, aufgestöbert.“
Karl Koch entspricht dem Klischee des Hackers, wie es vor
allem durch US-amerikanische Filme und durch andere Medien
kolportiert wird: junge, manchmal - in den Augen ihrer Mitmenschen
-kontaktgestörte junge Männer, die in nächtelangen Hacksessions via
Telefonleitung in geschützte Computersysteme eindringen und etwas
tun, dass der Normalsterbliche nicht nachvollziehen kann. Sie erraten
Passworte, was in der Realität heute so gut wie nie vorkommt, und
scheinen mit dem Medium Computer so vertraut wie ein
Atomechaniker, der aus dem Schrott mehrerer Fahrzeuge ein
komplettes Neues zusammenbauen kann.
Die berüchtigen Hacker werden oft für alle technischen
Probleme verantwortlich gemacht oder als Popanz aufgebauscht, um
von eigenen Fehlern abzulenken. So argumentierte ein deutscher
Abgeordneter, dem man den Missbrauch seiner Diensttelefons für
Sex-Telefonate nachgewiesen hatte, das sei nicht er gewesen, sondern
wahrscheinlich irgendwelche „Hacker“.
Das Weltbild derjenigen, die auf beruflichen Gründen mit
Hackern zu tun haben, was auch immer im Einzelfall damit gemeint
ist, scheint oft allzu schlicht zu sein, so einfach, dass man es kaum
glauben mag, wenn man voraussetzt, dass Zeitungen und andere
Medien jedem Interessierten zur Verfügung stehen. So schreibt ein
Andreas Wittermann in der Zeitschrift „CD Sicherheitsmanagement“
noch im Frühjahr 1999 unter dem anspruchsvollen Titel „Wirken und
Wesen des Hackers“: „Der moderne Hacker geht entweder einer
geregelten Arbeit nach oder ist gänzlich ins kriminelle Milieu
abgetaucht.“
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Das ist strittig. Im Internet kann man sich über den Unterschied
zwischen „Hackern“ und „Crackern“ informieren: Hacker stehe für
jemanden, „der sich stark mit Computern und ihren Funktionen
beschäftigt. Also ein SelfmadeExperte.“ Cracker sei jemand, „der
dieses Wissen benutzt, um in andere Systeme einzubrechen und
Schaden anzurichten - ein Krimineller.“7 Im Film „Hacks“ lässt die
Journalistin Christine Bader Hacker zu Wort kommen: „Hacken“ sei
häufig die elegante Lösung eines kniffligen Problems, der
„erlebnisorientierte Umgang mit Computern“ und der „gestalterische
Umgang mit Fehlern.“ Hacker zeigten ein „nicht definiertes
Benutzerverhalten“ und könnten, mehr als andere, mit
Kommunikationswerkzeugen umgehen.
Diese Definitionen träfen, wenn man sie flexibel auslegt, auch
für das Berufsethos eines professionellen Einbrechers zu. Die Hacker-
Szene besteht aber, und das ist Konsens, aus sehr unterschiedlichen
Personen, das Milieu dient als Katalysator für diejenigen, die aus der
Beschäftigung mit Computern eine Art „way of life“ gemacht haben.
Die Zeitschrift „CD Sicherheitsmanagement“ will wissen, „was
genau“ ein Hacker sei: „Männlich, jung, - oft sogar noch Teenager -,
einzelgängerisch, von Informatik und Mathematik fasziniert - das ist
der typische Hacker. Der Guerillakampf im Datennetz ist für ihn oft
Ersatz für Sport- und Partyspass. Viele Hacker sehen in ihrem ‘Spiel’
gegen Konzerne eine Art Rollsnspiel gegen unheimliche
Übermächte...Viele Hacker stehen ausserdem im Zweispalt zwischen
ihrem verborgenen Treiben und einer gewissen Sehnsucht nachÖffentlichkeit.“
Was „anfangs“ - hier sind offenbar die achtziger Jahre gemeint noch
Spaß oder Unsinn gewesen sei, sei „heute - oft sogar tödlicher Ernst.“
Die ersten Hacker hätten den freien Zugang zu Informationen
7 Vgl. Konrad Rosenbaum: Murphy für Informatiker,
http://www.htwdresden.
de/~wizo/K_Rosenbaum/hackcrack.html (ungültig)
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verlangt, Autoritäten misstraut und nach der Maxime gelebt:
„Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.“
Der Verfasser des Artikels weist auf die Hacker-Frühzeit hin,
und einer ihrer „Stars“ sei Karl Koch gewesen. Dessen Leben zeige,
„wie schnell dabei der Weg in die Klein- und Grosskriminalität oder
auch in die finstere Welt der Geheimdienste ist.“
Es kommt auf die Perspektive an. Wenn Computerspezialisten,
aus welchem Motiv auch immer, in fremde, angeblich sichere Rechner
eindringen, ist die Frage viel dringender, warum es Firmen und
Organisationen nicht gelingt, ihre Netze und Anlagen sicher zu
machen, warum sie nicht in diese Sicherheit investieren - oder ob
ihnen das gleichgültig ist? Clifford Stoll zitiert in seinem Buch
„Kuckucksei“8 den für die Computer zuständigen Verantwortlichen
einer Rüstungsfirma:
„Wir können doch gar keine Hacker hier haben. Wir betreiben
eine sichere Anlage.“
Der lakonische Kommentar Stolls:
„Sie war per definitionem sicher. Das hatte ich schon öfter
gehört.“
Die Hannoveraner Hacker liessen damals sich in der Tat,
vermittelt über den Freund eines Mitglieds ihrer Gruppe, mit dem
russischen Geheimdienst KGB ein und hackten in dessen Auftrag. Der
Freund marschierte kühn in die russische Botschaft in Berlin, der
damaligen Hauptstadt der DDR, und bot ihre Dienste an. Die Russen
waren interessiert. Der reale „Hagbard“ sah aber auch die russische
Regierung als Marionette der „Illuminaten“ wie auch alle anderen
nationalen Regierungen. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität
verschwommen; Karl Koch litt zunehmend an Verfolgungswahn, der
durch den exzessiven Konsum von Kokain noch gesteigert wurde.
Die Geschichte des Karl Koch ist deshalb für das
Selbstverständnis der Hacker-Szene und ihre Reaktion auf den Tod
8 Clifford Stoll: Kuckuckei. Frankfurt a. M. 1998
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von Tron wichtig, weil „Hagbard“ sich in einer dubiosen
Gemengelage zwischen Journalisten und Geheimdienstlern verirrte
und das seine persönlichen Probleme unstrittig erheblich verstärkte.
Die Personen, mit denen er zu tun bekam, waren skrupellos oder naiv
oder beides gleichzeitig.
Karl Koch und seine Kumpane tauchen als handelnde Personen
auch in Clifford Stolls Buch auf. „Kuckucksei“ berichtet zum ersten
Mal über die Jagd von Polizei und Geheimdiensten auf einen Hacker.
Es ist aus der nicht ganz uneitlen Sicht Stolls geschreiben. Der ist ein
Internet-Pionier und Astrophysiker am kalifornischen Lawrence Bell
Laboratory. Die Filmemacher von „23“ nennen Stoll einen
„unangenehmen Wichtigmacher“, „der es sehr gut verstanden hat, die
ganze Geschichte zu vermarkten.“ Das Buch hat die Berichterstattung
über das Thema über viele Jahre geprägt und gilt immer noch als
„Standardwerk“ über das Verhältnis von Systemmanagern, die für die
Computernetze bei Firmen und Organisationen verantwortlich sind,
und Computerfreaks, die sich dort aus unterschiedlichen Gründen den
virtuellen Zutritt verschaffen wollen.
Stoll erfuhr von den ersten Aktionen des Chaos Computer Clubs
über Kollegen, die von Einbrüchen in ihrer Rechner berichteten. Diese
Hacker, so schreibt Stoll, „waren vermutlich Techno-Vandalen.“ Er
war überrascht, „dass sich fast alle deutschen Hacker miteinander
verbündet hatten.“ Einer seiner „Gegner“, den es zu identifizieren und
zu überführen galt, war „Urmel“, ein Freund des Karl Koch. Beide
drangen in Dutzende von amerikanischen Rechnern ein, darunter, so
behauptet Stoll, in die des Milnet - dem Computernetz des
amerikanischen Verteidungsministeriums - und die der NASA.
„Urmel“, „Hagbard“ und andere benutzten damals noch das Datex-P-
Netz der deutschen Bundespost; an einen allgemein verfügbaren
Internet-Zugang war Mitte der achtziger Jahre in Deutschland noch
nicht zu denken.
Über einen deutschen Journalisten liess Stoll die Hannoveraner
Hacker auskundschaften und erfuhr auch über deren Verbindungen
zum russischen Geheimdienst KGB. Der wiederum beauftragte eine