Re: Artikel aus Spiegel 20-2008: Wir sind die Guten
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Re: Artikel aus Spiegel 20-2008: Wir sind die Guten         

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Author: Dominic Valerie Casare
Date: Jun 25, 2008 03:18

On Tue, 24 Jun 2008, Stefan Reuther wrote:
> Dominic Valerie Casare wrote:
>>>>Es geht nicht primaer um das, was man machen /kann/ - sondern es geht
>>>>primaer um das, was /passiert/! Siehe 'Normative Kraft des Faktischen'.
>>>Normative Kraft des Faktischen ist auch Parken in zweiter Reihe und
>>>Abbiegen ohne Blinken.
>> Das waere erst der Fall, wenn es eine signifikante Anzahl trotz
>> bestehender Regel tun wuerde.
> "signifikante Anzahl"? Ist der Fall.

Nein, sonst wuerden dir andauernd welche entgegenkommen und vor dir ohne
Blinken abbiegen. Es passiert aber nur relativ selten und das bedeutet:
Die Normative Kraft des Faktischen geht in dem Falle mit der Vorschrift
konform.
> Ob es prozentual mehr Filmsauger als Nichtblinker gibt, wird endgültig
> ein Gutachten klären müssen, aber so selbstverständlich, wie du (und die
> MI/FI) das darstellst, ist es noch lange nicht. Auch das ist bestenfalls
> eine "signifikante Anzahl".

Es gibt zumindest Webstatistiken. Eine der groessten Indexseiten fuer
BitTorrent heisst mininova:

| Here is a comparison between Mininova's traffic last month, and a year
| before that.
|
| March 2007
|
| 57,605,816 visits
| 261,460,196 pageviews
|
| March 2008
|
| 109,304,822 visits
| 530,181,594 pageviews
[http://torrentfreak.com/mininovas-traffic-doubles-in-a-year-080430/]

Nur mal als ein Bsp unter vielen. Daneben existieren etliche gleich
grosse Indexseiten und eine unueberschaubare Anzahl von grossen,
mittleren und kleinen offenen und privaten Trackern - die allein das
Feld der BitTorrent-Community belegen, Tendenz rapide steigend. Daneben
gibt es auch noch die ganzen 'traditionellen' Netzwerke wie Limewire,
Gnutella, eMule/eDonkey etc pp und natuerlich nicht zu vergessen
rapidshare - belegt aktuell bei alexa.com wohl rank 12(!) der meisst
besuchten Sites (hinter google, yahoo u.ae.). Was ich schonmal sagte: Du
kannst deine Augen beliebig fest verschliessen, davon aendert sich aber
an den Realitaeten nichts.
>>>Dürfen sie doch auch. Nur halt in gewissen Grenzen.
>> Die Grenzen existieren aber nicht wirklich. Sie sind - gerade fuer die
>> jugendlichen Adressaten - weder wahrnehmbar noch verstaendlich. Klar,
>> verboten irgendwie - who cares?
> Ich wiederhole mich ja nur ungern:

Nein leider tust du das *ziemlich* gern. Vorzugsweise mit Argumenten,
die schon mehrfach abgearbeitet wurden.
> das Verbot schwarzzufahren oder
> Häuser zu besprühen existiert auch nicht wirklich, wahrnehmbar und
> verständlich (dementsprechend wird es ebenso häufig übertreten). Es
> zeichnet normalerweise eine reife Gesellschaft aus, dass sich deren
> Teile auch an nicht physisch durchgesetzte Regeln halten.

Materielle Werte sind grundsaetzlich anders zu behandeln, als reine
Information, da sie voellig wesensverschieden sind. Ansonsten siehe
meine Erwiederungen im Thread weiter oben auf Graffities & Co.
>> Die Wahl hast du sowieso - denn es ist nicht (mehr) moeglich, sowas wie
>> DRM allem Content aufzuzwingen. Einer der zentralen Grundsaetze im
>> Informationszeitalter heisst: Daten, die einmal veroeffentlicht wurden,
>> lassen sich nicht mehr zurueckziehen. Oder anders ausgedrueckt: Was
>> einmal in den oeffentlichen Datenraum gelangt ist, ist fortan vogelfrei
>> und es gibt keine Moeglichkeit mehr, diese Daten wieder 'einzufangen'.
> Eine mögliche - und umgesetzte - Folgerung daraus lautet, keine Daten
> mehr freizulassen.

Zumindest was die Daten betrifft, die nicht verbreitet werden sollen. Da
ist die Forderung geradezu von essentieller Bedeutung.
> DRM eben. Auch, wenn du das nicht einsehen willst.

Ach komm, was winkst du mir hier dauernd mit deinem DRM-Quatsch
entgegen? Du kannst DRM keinem aufzwingen. Anbieter koennen sich fuer
DRM entscheiden, sicher - aber dann muessen sie auch damit leben, sich
den kollektiven Unmut der =umworbenen= Kunden zuzuziehen, die DRM nicht
moegen und das Produkt dann gern auch ignorieren. Was haste da von
deinem DRM? Bleibst drauf sitzen, keiner kauft den Mist aber wenigstens
wirds auch nicht so kopiert?

Wenn du allerdings Pech hast, knackt irgendwer dein tolles DRM und dann
bleibst du auch auf deinem Kram sitzen, nur im Netz gibts die befreite
Version. Toll oder? Wie oft muss man sich selber ins eigene Knie
schiessen um zu begreifen, dass man damit die Rueckenschmerzen *nicht*
wegbekommt?
>>>Auch, wenn mich außer dem
>>>Anstand nichts davon abhält, fremden Content rauf und runterzuladen.
>> Die Forderung nach einem 'Anstand' wirkt demgegenueber irgendwie
>> deplatziert. Warum soll man die einen Inhalte voellig frei kopieren
>> duerfen und die anderen nicht?
> Warum soll man auf dem einen Hof kicken dürfen und auf dem anderen
> nicht? _Weil es der Eigentümer so will._ Ist das so schwer?

Das ist ganz schwer, aus genau demselben Grund wie immer: Der Hof mag
fallweise ein persoenlicher Eigentumsbereich sein - das Internet
hingegen ist ein oeffentlicher Raum. In deinem abgesicherten Intranet
kannst du verlangen was du willst - stellst du jedoch Daten der
Oeffentlichkeit zur Verfuegung, dann nimmt sie die Oeffentlichkeit auch
entgegen und transportiert sie u.U. weiter. Das verhindern zu wollen ist
eine praxisuntaugliche Forderung.

[Filesharing-Flatrate]
> Das wird dem Urheber mit Kleinauflage, Umsatz wenige 100 EUR/Jahr,
> nichts bringen. Der wird an Verwaltungsgebühren draufzahlen.

Dann gibts eben gar nichts, wenns fuer ihn billiger kommt.
> Sieh dir die Stiftung EAR an. Genau das gleiche, nur mit anderem
> Vorzeichen. Ja, die Idee ist auf den ersten Blick sexy. Aber sie hält
> nicht wirklich einem zweiten Blick stand. Sie begünstigt die großen.
> Denn nur die können mühelos nebenbei den "großen Kopier-Geld-Verteiler"
> betreiben.

Gut, dann brauchen wir nicht wirklich Kopierabgaben. Auch schoen, wird
der Hardware- und Rohling-Einkauf in Zukunft etwas billiger.

[Times-Archiv]
>> Du siehst immer nur das Geld dahinter. Was nuetzt der Times ein Archiv,
>> welches nur vor sich hinduempelt und niemand mehr einen Blick hinein
>> wirft, ausser ein paar Historikern vllt? Ist es da nicht viel *toller*,
>> wenn man die ganzen, alten News - die btw alle schonmal verkauft und
>> bezahlt wurden - der Menschheit zur /freien/ Verfuegung stellt?
> Du meinst, die Bandbreite und der Speicherplatz ist gratis? Die
> Webanwendung gab's umsonst (OCR, mit Suchfunktion!)? Die Ressourcen für
> die Sauger, die das Archiv möglichst noch mit X Threads parallel saugen,
> und von den geladenen Daten nicht mal ein Promille zur Kenntnis nehmen?

Das ist nur am Anfang mal ein bisschen mehr Traffic - Dann geht das
Archiv ueber BitTorrent & Co und die Bandbreite stellen die Nutzer
selbst zur Verfuegung.
> Und das alles, ohne den Urheber auch nur zu fragen?

Klar. Er hats ins Netz gestellt. Das ist praktisch eine Aufforderung zum
Abruf der Daten.
>>>Wenn er z.B. nicht auf Nazi-
>>>Seiten auftauchen will, egal ob kostenlos oder nicht, hat er mit der
>>>momentanen Rechtslage die Möglichkeit, das durchzusetzen. Ich finde das
>>>durchaus sinnvoll.
>> Das hat er auch unter jeder Rechtslage, die ich mir wuenschen wuerde.
>
> Welchen Paragraphen welches Gesetzes würdest du also zitieren, um eins
> deiner Werke von einer Naziseite runterzubekommen, wenn es kein UrhG gäbe?

Wiedermal: Ich argumentiere nicht fuer eine gaenzliche Abschaffung des
UrhG, weil ich die nicht fuer realistisch halte. Ich argumentiere jedoch
gegen die Bereich, der privates Kopieren (ohne gewerbliche oder
quasi-gewerbliche Sekundaernutzung) verbieten will, mit dem Argument,
dass es heutzutage nicht mehr praxistauglich ist und von der normativen
Kraft des Faktischen hinfortgebuegelt wird.
>>>>Frag dich mal ehrlich, ob das Beduerfnis nicht sofort aufkommen wuerde,
>>>>wenn du privat eine wirklich gute Anbindung ans Netz haettest und es
>>>>/nicht/ verboten waere, im Gegenteil, wenn die Kuenstler das u.U. sogar
>>>>begruessen oder tolerieren wuerden, weil es gut fuer ihre Publicity ist.
>>>>Sharing is caring. :-)
>>>Ich hatte jahrelang 100 MBit bis zum Arbeitsplatz.
>> Und wie wurden die abgerechnet?
> 0,00 EUR/Tag. Uni-Netz.

Seitens deines AG? War der selbst ISP/Netzbetreiber?
>> Ich meine damit natuerlich die
>> Aufwaendungen deines AG, der die Bandbreite zur Verfuegung stellte und
>> gewiss irgendwelche Erwartungen an dich damit verknuepft hat.
> "Forschung und Lehre".

Also gab es eine Auflage, dass du die Bandbreite nur fuer gemeinnuetzige
Zwecke - neben deinem regulaeren Taetigkeitsbereich - nutzen darfst. Das
erlaubt Freeware-Archive und BSD-Images sehr wohl. Exzessive Nutzung zur
eigenen Unterhaltung haette dein AG hingegen wohl weniger gern gesehen.

[Autos kaufen vs Filme kopieren]
>> Ich weiss ja nicht, wie 'aggressiv' man eine Filmkopie anschauen muss,
>> damit /das/ /Original/ solche Gebrauchsspuren aufweist...
> Mal ganz polemisch: ein Film, der für einen Markt von 80 Mio.
> Kohlenstoffeinheiten produziert wurde, ist natürlich weniger wert, wenn
> ihn 40 Mio. davon "schwarz" sehen, weil man ihn an diese dann nicht mehr
> verkaufen kann.

Das ist eine Luege und ich habe sie bereits mit mehreren Bsp widerlegt.
Erinnere dich bitte an Michael Moores 'Sicko' - ein Kino-Kassenerfolg
obwohl er lange vorher als hervoragendes Pre-Release durch die
Tauschboersen lief und millionenfach 'gesaugt' wurde. Qualitaet verkauft
sich auch unter diesen Umstaenden, zumal bei richtigen Spielfilmen
(entgegen dieser o.a. Dokumentation) noch ein Erlebnisfaktor fuer den
Kinobesuch punkten kann, der im haeuslichen Bereich nur schwer
nachzuahmen ist.
>> Na und? Ist doch wirklich egal. Die Frage ist: Waere der 'Filmsauger'
>> denn ins Kino gegangen oder haette er sich die DVD tatsaechlich gekauft?
>> In den Meissten Faellen muss man das wohl verneinen. Er hat eine
>> Gelegenheit wahrgenommen - sicher - aber daraus schliessen zu wollen,
>> dass er anderenfalls ein zahlender Kunde geworden waere, funktioniert
>> nicht. Warum das nicht funktioniert, habe ich dir allerdings auch
>> schonmal erlaeutert.
> Richtig. Er hat allerdings eine Leistung erhalten ("2 Stunden
> Unterhaltung"),

Mit dem Argument kann ich dir auch zwei geschlagene Stunden lang auf die
Nerven gehen und dann monieren, dass du von mir eine Leistung erhalten
hast, die ich bitte bezahlt haben moechte.
> an der ein konkretes Preisschild hängt. Also ist er um
> diesen Betrag bereichert.

An der Kopie haengt gewiss kein Preisschild, hoechstens eine nfo-Datei.
>> [...] aber ich denke mal,
>> es funktioniert prinzipiell auch ohne, wenn man einsieht, dass das
>> Geschaeftsmodell content-selling ausgedient hat und man jetzt den
>> Schwerpunkt auf Aktivitaeten drumherum legen muss, sprich Live-Events,
> in der Praxis: ...mit Taschen-filzen und Security mit Nachtsichtgeräten...

Was willst du damit sagen? Dass ein Live-Event dadurch weniger attraktiv
wird als ein Konsum aus der Konserve?
>> Merchandise (kuenstlerischer Bereich)
> ...noch mehr Plastik-Tand?

Solange es keine CDs/DVDs sind und der 'Tand' noch einen gewissen
Gebrauchswert hat (T-Shirts/Klamotten z.B.) warum nicht? Sowas wird gern
genommen, btw auch noch die eine oder andere CD direkt beim Konzert
gekauft, nach dem Erlebnis. Das funktioniert immernoch ganz gut.
>> oder Service & Support (Software).
> ...und Dongles, Dongles, Dongles. Und auch an den Authentifizierungs-
> server denken.

Leider hast du hier eine massive Denkblockade. Wenn das ne Drohung sein
soll, so laeuft sie ins Leere - der Schrott wird immer weniger
akzeptiert. Ob die Software in einem Geraet wie deinem Navi-Radio
verdongelt ist, kuemmert mich als Kunden hingegen herzlich wenig. Da
will ich das Geraet insgesamt, nicht die Software. Wenns nur um Software
geht, ist DRM ein Ausschlusskriterium. Fuer mich sowieso - fuer die
Masse immer mehr, denn die werden im Umgang mit ihrer Technik auch nicht
duemmer. Was also soll dieses reflexhafte Schwingen der DRM-Keule?

Mich beeindruckt dies nicht. Andere, hier Mitlesende, wohl ebensowenig.

Dominic
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