Re: Artikel aus Spiegel 20-2008: Wir sind die Guten
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Re: Artikel aus Spiegel 20-2008: Wir sind die Guten         

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Author: Stefan Reuther
Date: Jun 17, 2008 11:20

Dominic Valerie Casare wrote:
> On Thu, 12 Jun 2008, Stefan Reuther wrote:
>>>>Warum nicht? Das Mantra des WWW lautet "everyone's a publisher". Dann
>>>>bitte aber nicht nur mit den gleichen Rechten, sondern auch den gleichen
>>>>Pflichten. Ich verweise da mal auf die endlose Impressums-Diskussion.
>>>
>>>'Wir' (die Netizen) waren aber *zuerst* da.
>>
>>Im Netz. Auf dem Planeten Erde waren die Zeitschriftenverleger eher da.
>
> Eher als die /Menschen/ oder eher als die /Juristen/ oder was? ;-)
>
> Auch wenn es dir vorzustellen schwer faellt, es gab eine Zeit *vor* dem
> Urheberrechtsgesetz. Frueher wurde jegliches Wissen und Liedgut von Mund
> zu Mund transportiert. Das sogenannte 'geistige Eigentum' war
> traditionell ein kultureller Schatz der Gemeinschaft, nicht
> irgendwelcher Individuen.

Auch, wenn's nicht unbedingt ideal ist: heute machen "wir" das halt
alles in etwas größerem Stil und brauchen da natürlich auch andere
Regeln. Früher hat auch der Dorfquacksalber ein bisschen quackgesalbt,
wenn's mal ein paar Unfälle gab, war das halt ein Wink Gottes, und und
wenn er sich wirklich zu blöd angestellt hatte, wurde er mit Schimpf und
Schande aus dem Dorf gejagt. Heute haben und brauchen wir dafür andere
Regeln.

Jedenfalls würde ich den Bereich vor >>100 Jahren bei solchen
Vergleichen außen vor lassen, weil sich die Rahmenbedingungen ja nun
doch sehr geändert haben.

Ja, das haben sie mit der Verfügbarkeit von Netzbandbreite auch erneut.
Dennoch finde ich, dass das existierende Urheberrecht als Framework
durchaus taugt: man kann ja ganz legal Umgebungen mit "Netz-Recht"
schaffen, in denen "Netz-Regeln" gelten. Zum Beispiel sowas wie GPL,
GFDL, CC, und so weiter. Warum man Leute, die nach "Classic-Regeln"
spielen wollen, da unbedingt mit reinziehen muss, erschließt sich mir
nicht. Echt jetzt. Außer natürlich aus Neid und Habgier gegenüber deren
Content.
> [geschaeftlich vs. privat auf ebay]
>>>Wenns nach mir ginge, wuerde alles, was auf ebay stattfindet, unter
>>>Business subsummiert - denn es geht dort nur ums kaufen und verkaufen.
>>>Verschenken kann man dort afaik nichts, oder? Ergo ist alles eine Art
>>>gewerbsmaessiges Treiben und darf gern auch mit solchem gemessen werden.
>>
>>Wo kommt jetzt auf einmal dieser Gegensatz her?
>
> Mein ganz persoenlicher, subjektiver Standpunkt. Ich ziehe die Grenze
> eben beim Geld - bzw dort, wo es primaer ums 'Geld verdienen' geht.

Da halte ich es für eine untaugliche Bewertung, ausgerechnet
ausschließlich den Willen des Nutzers, und zwar auch dort ausschließlich
den Wunsch nach Erwerb von bunten Zetteln der EZB, zu berücksichtigen,
und den Urheber gar nicht erst zu fragen.

[Bücher]
>>*Natürlich* fördert ein legales kostenloses Download-Angebot die
>>Bekanntheit. Aber allein von Bekanntheit kann man nicht leben. Zum davon
>>leben können braucht man weiterhin das Exklusivrecht zur Erstellung
>>(materieller) Kopien. Der Herr Coelho hat hier insofern Glück, dass eben
>>sein Werk am besten auf einer materiellen Kopie konsumiert wird, und, da
>>er das Exklusivrecht zu Erstellung dieser Kopien besitzt, von Leuten
>>profitiert, die sowas haben wollen.
>
> Also meinst du hier, der /Buchautor/ als solcher hat /Glueck/, weil das
> Buch - als solches - einen hoeheren Gebrauchswert hat, wenn es in
> klassischer Form daherkommt, statt in elektronischer. Darum koennen
> Buchautoren mit der Piraterie ihrer Werke im Netz ganz gut - bzw dieser
> beispielhafte sogar noch besser als *ohne* - leben.

Auch, ja.
> Da ist schon was dran. Aber was ist jetzt mit meinen beiden vorherigen
> Filmbeispielen? Die haben dich wohl ganz sprachlos gemacht und ich weiss
> angesichts dieses Einwandes fuer die Buchautoren nicht, ob ich dein
> Schweigen als uneingeschraenkte Zustimmung interpretieren soll, oder ob
> du nur hoffst, dass es schnell wieder unter den Tisch faellt?
>
> Michael Moores Dokumentarfilm - der als hervorragendes Pre-Release
> durchs Netz ging und trotzdem ein Kino-Kassenerfolg wurde - wie geht das
> zusammen?

Moore ist IMHO einer, dem finanzieller Nichterfolg nicht wehtut, solange
seine Botschaft ankommt, und der auch irgendwie vom Image als Revoluzzer
lebt. Aber das ist Spekulation.

Wobei Filme vermutlich, was die Usability angeht, in der Nähe der Bücher
angesiedelt sind. Ich schaue die im Kino wegen der guten Anlage, und
hole mir später die DVD, die ich schmerzarm auf dem 32" Fernseher sehen
kann (und nicht auf dem 17" PC). Saugen dauert mir zu lange, und bei der
Auswahl meiner DSL stand "Filme laden" auch überhaupt nicht auf der
Anforderungsliste. Deswegen ist "Film laden" bei mir bestenfalls mal ein
Youtube-Spaßvideo oder 'ne verpasste Doku aus der ZDF-Mediathek. Viele
Leute scheinen das aber anders zu sehen, sonst würden sie keine
Hollywood-Filme saugen.

Wesentlich weiter vom Buch weg ist Musik. Wenn ich eine CD kaufe, wird
die als erstes gerippt und landet in der Medienbibliothek. Und natürlich
wird auch im kleinen Kreis getauscht - Privatkopie halt. Nur verspüre
ich nicht das Bedürfnis, das gleich einem unbegrenzten Teilnehmerkreis
anbieten zu müssen.
> O.g. Film widerlegt deine Behauptung glattweg - wenn du willst, liefere
> ich dir noch etliche andere Bsp aus den letzten Jahren von sehr
> erfolgreichen Filmen, die man vorab in bester Qualitaet im Netz finden
> konnte, egal ob ueber edonkey, BitTorrent oder $SHAREHOSTER. Man kann
> sogar sagen, dass nahezu *jeder* halbwegs bekannte, neue Film vor oder
> zumindest gleichzeitig zum Kinostart im Netz erscheint und *problemlos*
> downloadbar ist. Sogar rueckwirkend auf die letzten 3-5 Jahre gesehen,
> war das gaengige Praxis. Und trotzdem verkaufen sich manche Filme wie
> verrueckt, manche gar nicht. Davon irgendwelche rueckschluesse auf
> 'illegale Downloads' ziehen zu wollen, ist insofern gewagt, wenn man
> dabei die Qualitaet des Werkes voellig ausser Acht laesst.

Die Argumentation zumindest der MI/FI (dass die Stagnation
ausschließlich auf Downloads zurückzuführen ist und keinesfalls auf
Marktsättigung oder Qualitätsrückgang) ist definitiv bogus. Aber das ist
ein anderes Thema.
> Natuerlich
> werde ich nicht ins Kino gehen zu einen Film, der nichts wert ist, weil
> ich mich vorab davon ueberzeugen konnte. Aber ist das nicht in Ordnung?

Dafür gibt es Filmkritiken in den verschiedensten Medien, manche sogar
mit Filmausschnitten.
> Oder findest du besser, wenn man mittels Werbung ins Kino gelockt wird,
> der Film jedoch nicht halten kann, was da versprochen wurde und man
> einfach nur frustriert und enttaeuscht ist?

Pech. Risiko. Whatever. Kann dir mit dem neuen Auto, dem Fertiggericht
aus der Kühltruhe, dem Busfahrschein oder der neuen Hose genauso
passieren. Und da fordert niemand ein Recht auf eine 100000 km
Probefahrt (denn vorher kann man ja nicht beurteilen, ob der Wagen nicht
doch untenrum rostet!).
>>>>Und in
>>>>Abwesenheit von Urheberrecht hätte natürlich jeder Copyshop die Bücher
>>>>zum Materialpreis drucken können.
>>>
>>>Darum sind Einschraenkungen fuer Business-Konkurrenz ok, denn da gehts
>>>nur ums Geld.
>>
>>Tja, und dann sind wir wieder bei so Leuten wie hier mitten im Thread,
>>die einen unbegrenzten Teilnehmerkreis wie z.B. eine Newsgroup als
>>"privat" definieren
>
> Das tu ich auch. Es ist kein monetaeres Interesse dabei, auch keine
> Absicht, dem Spiegel irgendeine Art von Konkurrenz zu machen.

Es ist dennoch keine Privatkopie mehr.

Und natürlich macht *ein einzelner* Artikel in doc dem Spiegel keine
Konkurrenz. Dennoch muss irgendwo eine Grenze gezogen werden. Diese
liegt eben zwar recht niedrig, aber IMHO nicht niedrig genug, um eine
Abschaffung des Gesetzes moralisch unbedingt fordern zu müssen. Zumal es
ja nun wirklich genug Ausnahmen gibt. Ich würde sogar eine Meinungs-
äußerung in zwei Absätzen plus Komplettzitat in der digitalen Welt als
vom Zitatrecht gedeckt ansehen (hey, fullquote ist nichts anderes :-).
Aber eine Kopie von einem Anonymling ohne eigene Geistesleistung halte
ich immer noch nicht für unterstützenswert.
>>Was ist nun eigentlich so schlimm daran, dem Urheber das Recht zu geben,
>>festzulegen, was er als zulässige Nutzung erachtet?
>
> So gefragt nichts. Nur wenn er praxisuntaugliche Festlegungen trifft,
> sollte er damit leben koennen, dass die fallweise ignoriert werden.
> Siehe Empfaenger die man zwar besitzen, aber nicht einschalten /darf/.

Die sind aber nicht "praxisfern", da du immer noch eine ganze Menge
darfst - siehe oben.

['Hobbyisten-Software']
>>>>das wäre die Softwareentwicklung weiterhin Profis vorbehalten geblieben.
>>>>Ein weiteres Beispiel für schwer hobbymäßig zu erstellende Software wäre
>>>>die Legion von Einkommensteuerprogrammen. Und die wenden sich ja nun zu
>>>>100%% an Privatanwender.
>>>
>>>Wer braucht eine 'Legion' von solchen Programmen?
>>
>>Wusste ich doch. Der übliche Einwand, um vom Thema abzulenken. Ja, diese
>>Programme werden offenbar gebraucht,
>
> Na gut, dann wird es auch einen Markt dafuer geben. Aber wenn der
> 'kleine Privatmann' der Adressat dafuer ist und das Interesse an solcher
> Software wirklich gross, dann gibt es langfristig nur zwei Perspektiven:
> Open Source oder Inkaufnahme von massenhaften 'illegalen Kopien', wenn
> der Preis - der sich am Aufwand fuer eine Kopie messen lassen muss - zu
> hoch ist.

Da der Preis hinreichend konstant ist (die Regeln, nach denen solche
Programme arbeiten, müssen ja auch erstmal aus dem Gesetz extrahiert
werden - und wenn Steuerrecht so einfach wäre, bräuchten wir diese
Programme nicht), hieße Inkaufnahme von illegalen Kopien Einstellung
wegen Unrentabilität. IMHO kein lohnenswertes Ziel. Es würde natürlich
das Fach der Steuerberater fördern, die weiterhin solche Programme auf
dem B2B-Weg erwerben.
>>sonst würde sie keiner schreiben
>>bzw. kaufen. Und dies war nur ein Beispiel für die Klasse komplexer
>>Programme, die kein Hobbyist nach Feierabend baut. Es gibt noch dutzende
>>weitere.
>
> Du willst nicht wirklich behaupten, dass alles, was an OSS existiert
> ('auf sourceforge sind nur Hobbyisten'), minder komplexe Programme mit
> geringem Nutzwert sind?

Nein. Aber ein Medienplayer, ein Browser, ein Office-Programm - diese
Themen sind einfach wesentlich "sexier" ("was fetzig buntes", "dem
Riesenkonzern mal gezeigt, was 'ne Harke ist") als ein Einkommen-
steuerprogramm und haben für Freizeitler einen höheren Nutzwert als ein
EDA-Programm mit ausgeklügelten Algorithmen zum Layouten von 12-Ebenen-
Platten.

[wma vs. mp3]
>>und du hast mit "braucht eh keiner" einen Nebenschauplatz
>>eröffnet.
>
> Im Falle von WMA war mein Kritikpunkt ja: Warum man sowas ueberhaupt
> braucht. Du meinst - bessere Audio-Qualitaet, ich meine DRM. Was davon
> ist aus einer objektiven Sicht betrachtet, jetzt das naheliegendste?

Für DRM braucht man kein WMA, man kann genausogut MP3 oder AAC in
DRM-Container packen, siehe Napster und iTunes.
>>>Aber zugegeben, was auch immer ihr da entwickelt - es hat wohl einen
>>>gewissen Geek-Faktor. MOD, S3M... Erzaehl doch ruhig mal etwas mehr
>>>darueber, was genau das werden soll. Vllt ist das hier sogar OnTopic.
>>
>>Für Leute, die den Produktkatalog der Firma kennen, in der ich arbeite,
>>ist wenig überraschend, dass es das Nachfolgemodell dazu
>><http://tinyurl.com/4rdewq> wird :-)
>
> "...ein digitales 1-DIN Autoradio, einen CD/ MP3-CD Player und ein
> modernes Navigationssystem..." ^^^^^^^^^^^^^
>
> q.e.d. :-)
>
> Warum steht da nicht, WMV-CD Player? (ok, rhetorische Frage...)

Wenn das Vorgängermodell schon alles könnte, bräuchten wir kein
Nachfolgermodell :-)
>>Eine Alternativ-Firmware, die MOD, S3M & Co. spielt, gibt es mit
>>ziemlicher Sicherheit in jedem Medienplayer-Entwicklerbüro. Die
>>libmodplug einzubinden hat mich gerade mal einen halben Nachmittag
>>gekostet; wenn das bei der Konkurrenz länger dauert, wäre ich sehr
>>überrascht. Die Marketing-Abteilungen wollen's nur nicht haben :-)
>
> Welche Rolle spielt denn eigentlich MOD & S3M bei dem Teil? Ist das nur
> selbstverliebter Featurismus oder gibt es da drin wirklich Verwendung
> fuer diese recht ungebraeuchlichen Formate?

In meinem Fall: ich brauchte 'nen einfachen Codec zum Testen und hatte
außerdem 'ne CD voller MODs da (wozu Formatradio hören, wenn da die
Hälfte auch bloß nach Vierkanal-MOD klingt...). Ansonsten ist es
"selbstverliebter Featurismus".

Wenn du den MOD-Codec haben willst, würde ich vorschlagen, du kaufst dir
so ein Teil und nervst dann den Support, dass das Gerät doch bitte
dieses Feature haben soll, dann machen wir vielleicht ein Update :-)))

Stefan
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