Artikel aus S P I E G E L 23-2008
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Artikel aus S P I E G E L 23-2008         

Group: de.org.ccc · Group Profile
Author: Nomen Nescio
Date: Jun 1, 2008 04:20

Basar im Netz

Ein paar Gymnasiasten schocken Deutschlands Fahnder: Die Hacker haben gezeigt,
wie leicht sich Firmen, Privatleute und Behörden überlisten lassen.

Die Preise waren moderat im Netz: Einen gefälschten Pass etwa bot einer
der Hacker für 550 Euro an, einen Führerschein gab es für 600 Euro. Kopierte
Kreditkarten verschacherte man mit Mengenrabatt: 5 Euro für eine, 120 Euro
für 30 Stück.

Das Geschäft lief über Monate, und es war einträglich für elf junge Hacker
- neun Schüler und zwei Arbeitslose - aus ganz Deutschland: Bis zu 2000 Euro
Taschengeld monatlich blieben bei jedem hängen, auch mal ein Laptop, ein iPod,
eine Kamera oder ein Mountain-Bike, auf Kosten nichtsahnender Bürger gekauft
in Online-Shops.

Mit einfachen Tricks und in einer Geschwindigkeit, die selbst erfahrene EDV
-Fahnder staunen ließ, gelangten die Mitglieder der Internet-Community Hack-
sector über Monate hinweg an die Daten von Privatleuten, Firmen und Behörden,
sie spähten Bankkonten aus und amüsierten sich über die Sicherheitssysteme von
Online-Kaufhäusern.

Durch Zufall kam ihnen im vergangenen Herbst ein junger Augsburger Kriminal-
beamter auf die Spur, der auf der Suche nach heißer Ware aus einem Internet
-Auktionshaus war. Dabei gelang ihm einer der bislang größten Schläge gegen
Internet-Kriminalität in Deutschland. Denn für das Wissen der Gymnasiasten
interessierten sich bundesweit rund 33000 Nutzer. Auf der Web-Seite www.hack
sector.cc besorgte sich mancher illegale Tipps oder gefälschte Dokumente,
getarnt mit echten Daten von Behörden.

Der Fall ist eine Premiere: Dass die Augsburger Staatsanwaltschaft nun gegen
die Computerfreaks zwischen 15 und 22 Jahren ermittelt, wurde erst vor knapp
einem Jahr durch eine Änderung im Strafrecht möglich. Die neuen "Hackerpara-
grafen" 202 a und c verbieten das Ausspähen von Daten sowie die Weitergabe
entsprechender Programme.

Doch gegen die kriminellen Machenschaften im World Wide Web wirken die Para-
grafen eher kläglich: Kriminelle Organisationen, warnt das Bundeskriminalamt
(BKA), wenden sich zunehmend dem Internet zu. Das Bundesamt für Verfassungs-
schutz beobachtet mit Sorge vermehrte Angriffe auf geheimes Wissen deutscher
Unternehmen - deren Firewalls nicht einmal den Angriffen der Halbwüchsigen
standhielten.

Um 6,4 Prozent auf knapp 63 000 Fälle stieg die polizeilich registrierte Com-
puterkriminalität 2007 im Vergleich zum Vorjahr, 180 000-mal wurde das Internet
zum Tatort. Die Hacker werden immer besser, immer dreister. BKA-Präsident Jörg
Ziercke warnt vor Profis, die "in Lohnarbeit" für osteuropäische Banden Konten
knacken.

Matthias Gärtner vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik regis-
triert eine "deutliche Zunahme der Qualität der Angriffe". Deutschland sei ein
Lieblingsziel der Internet-Piraten. In kaum einem anderen Land sei die Compu-
terdichte so hoch, viele Geräte seien hierzulande dank Flatrate ständig online
- allzeit bereit, gekapert zu werden.

Wie leicht das ist, zeigen die Augsburger Ermittlungen. Die Fahnder hatten es
dabei mit zwar hochtalentierten, aber noch ziemlich leichtsinnigen Nachwuchs
-Hackern zu tun. "Sie haben Fehler gemacht und Spuren hinterlassen", sagt ein
Augsburger Internet-Fahnder. Tatsächlich wurden die kriminellen Geschäfte in
der Community so offen betrieben wie in einem Bazar.

Gegen geringe Gebühr verkauften die Kids etwa Druckvorlagen, mit denen sich in
Minutenschnelle ein gefälschter Personalausweis herstellen lässt. Zwei Clicks
weiter gab es Kontodaten von Privatleuten - so konnten Surfer auf Kosten der
Kontoinhaber im Internet shoppen gehen. Die Bankdaten wurden nach Brauchbarkeit
sortiert. Hochwertig war etwa das "Konto von Â’nem Bonzen", so das Angebot der
Hacker, auf dem 20 000 Euro verfügbar seien.

Wer selbst Daten aus dem Netz fischen wollte, konnte sich bei den Teenagern
auch sogenannte Trojaner besorgen, fertige Programme, die sich auf Rechnern
einnisten und dort die Dateien nach Brauchbarem wie Passwörtern durchstöbern.

Unter falschem Namen mieteten die Jungs sogar Wohnungen an und ließen dort
Waren aus E-Bay-Shops anliefern - bezahlt mit gefälschten Kreditkarten. Sie
halfen Altersgenossen auch bei speziellen Problemen: Einem Schüler, der Unter-
lagen aus seiner Schule klauen wollte, gaben die Hacker Tipps für spezielle
Einbruchwerkzeuge.

Dabei galten die Jungs ihren eigenen Eltern als brav und harmlos - wie ein 16
-jähriger Gymnasiast aus Hamburg, der es bei Hacksector immerhin zum Co-Admi-
nistrator der Internet-Seite brachte. Der junge Computermagier ist ein guter
Schüler und nimmt nachmittags brav Unterricht in Standardtänzen.

An der Uni Hamburg belegte er einen Informatikkurs, den Rest seiner Freizeit
verbrachte er zu Hause am PC oder ging auf Lan-Partys. Der Junge nutzte sein
Talent ohne Gewissensbisse, wie sein Anwalt Klaus Friedrich sagt: "Unrechtsbe-
wusstsein gibt es da keines."

Conny Neumann,
Andreas Ulrich
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