Verschwörungstheorie als Geschäftsmodell
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Verschwörungstheorie als Geschäftsmodell         

Group: de.alt.soc.verschwoerung · Group Profile
Author: Sven Konietzko
Date: Sep 7, 2008 06:23

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Verschwörungstheorien sind der Stoff, mit dem man offensichtlich auch
heute noch in den Medien Aufmerksamkeit erregen kann. Nicht erst seit um
1900 die legendären „Protokolle der Weisen von Zion“ auftauchten,
scheinen solche Geschichten die Öffentlichkeit geradezu magisch zu
faszinieren.

Bei den „Protokollen“ handelt es sich vermutlich um eine Fälschung der
zaristischen Geheimpolizei Ochrana in Russland, die eine jüdische
Weltverschwörung belegen sollten. Die Geschichten sind abstrus – so
sollen etwa die Juden den Bau der U-Bahnen in London und Paris
finanziert haben, um die dadurch unterminierten Städte in die Luft
sprengen zu können, falls sich die Regierungen der beiden Staaten der
jüdischen Weltherrschaft widersetzen würden. Gleichwohl erlebten die
„Protokolle“ nach der russischen Oktoberrevolution eine ungeheure
Verbreitung, und die Nazis bedienten sich ihrer eifrig zur Legitimation
ihrer Judenverfolgung.

Alarmismus verkauft sich
Moderne Verschwörungstheorien scheinen heute eher Grundlage für
erfolgreiche Geschäftsmodelle zu sein. Seit den Terroranschlägen vom 11.
September 2001 auf die Twin Towers in New York ist der Islamismus
offensichtlich eine ideale Projektionsfläche für solche Theorien.
Besonders eifrig ist hier der ehemalige FAZ-Mitarbeiter Dr. Udo
Ulfkotte. In rascher Folge wirft der selbsternannte Islamismus-Experte,
der "die Sprachen seiner Feinde nicht beherrscht", wie die "Zeit" schon
mal schrieb, Publikationen auf den Markt: „Propheten des Terrors. Das
geheime Netzwerk der Terroristen“; „Der Krieg in unseren Städten. Wie
radikale Islamisten Deutschland unterwandern“; „Heiliger Krieg. Wie die
radikale Muslimbruderschaft unsere Gesellschaft bedroht“; „Europa
kapituliert vor dem Islam“. Vor den Bürgerschaftswahlen im Frühjahr in
Hamburg geisterte Udo Ulfkotte kurzfristig als vermeintliches Zugpferd
durch die Konkursmasse der ehemaligen Partei des "Richter Gnadenlos"
Ronald Barnabas Schill, ein passendes Umfeld, wenn auch wohl eher eine
PR-Aktion zur Ankurbelung des Buchumsatzes.

Brüssel islamisch?
Am Donnerstag konnte man nun Ulfkottes apokalyptische Visionen in der
„Welt“ lesen. Düster menetekelt er über Brüssel: „57 Prozent der
Neugeborenen sind dort derzeit Muslime. Wie in vielen europäischen
Städten ist auch in Brüssel Mohammed der häufigste Vorname für männliche
Neugeborene. Brüssel wird nach Angaben der Universität von Leuven in
etwa 15 Jahren eine islamische Stadt sein.“ Das ist zwar so einfach
behauptet Unfug, denn das würde voraussetzen, dass alle anderen
Rahmenbedingungen – Geburtenrate, Sozialstruktur und Sozialstatus,
religiöse Bindung etc. – völlig unverändert bleiben, aber eine solche
dramatische Behauptung sichert die Schlagzeilen. Doch das ist für
Ulfkotte längst noch nicht alles: „Und überall geben wir unsere Werte
auf: In Dänemark zahlt seit diesem Jahr die erste Kirche Schutzgeld an
Muslime, um ihre Christen beim Kirchgang vor Übergriffen zu schützen.
(…) In Ländern wie Schweden diskutiert man über einen Strafnachlass für
‚Ehrenmörder’ – alles andere könnte ja den Islam beleidigen.“. Das hätte
man bei dieser Dramatik dann doch gern etwas genauer: Wo und wie
passiert das mit dem Kirchenschutzgeld? Oder: „In Ländern wie Schweden
diskutiert man…“? Wer diskutiert da? Wo sonst noch? Genauigkeit ist
freilich Ulfkottes Sache nicht, er bleibt lieber im Ungefähren. Statt
dessen sein tiefschwarzes Fazit. „Unsere Kinder werden uns unangenehme
Fragen stellen. Dann aber dürfte es zu spät sein, die Entwicklung
aufzuhalten.“ Doch noch leistet Ulfkotte Widerstand: Am 1. September
erscheint von ihm sein jüngstes Buch „SOS Abendland – Die schleichende
Islamisierung Europas“, wie die „Welt“ mitteilt.

Die unangenehme Frage, wieso ein solches Machwerk wie der Artikel von
Ulfkotte samt Werbung für sein Buch einen Weg in eine renommierte
Zeitung wie die „Welt“ findet, könnte wohl nur die Chefredaktion
beantworten.

Quelle:
http://www.vorwaerts.de/magazin/artikel.php?artikel=7720&type=2&menuid=366&topmenu...
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