Re: Illuminatus! von Robert A. Wilson
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Re: Illuminatus! von Robert A. Wilson         

Group: de.alt.soc.verschwoerung · Group Profile
Author: Sven Konietzko
Date: Nov 2, 2007 00:51

Guten Morgen Wolfram,

Wolfram Heinrich schrieb:
>>>> Seine Bücher
>>>> gehören alle verbrannt, sie sind definitiv gefährlich, denn sie fördern
>>>> das Sektierer- und Freidenkertum.
>>>>
>>> Ja, was nun? Das eine oder das andere? Das eine schließt das andere aus und
>>> zwar heftig, weil das Eine das Gegenteil vom Anderen ist.
>> Ich vermute Du hast Wilson nicht gelesen?
> Richtig. Was versäumt?

Ja, meiner Meinung nach hast Du das. Auch wenn Wilsons Bücher den
"Kalten Krieg" als Background haben und an sich auch nur in solch einem
Klima gedeihen konnten, irgendwie ist der Konflikt zwischen "logischer
Vernunft" und paradoxer Willkür doch weiterhin top aktuell.
Die Illuminatus!-Trilogie ist ein Buch über das ich mir nie wagen würde
eine Reszension zu schreiben, denn sie würde diesem Buch nicht gerecht
werden. Ich kann es aber empfehlen und geniale Unterhaltung versprechen.
Sicher ist auch, dass dieses Buch verwirren soll und zu dem auf Grund
des politischen Hintergrund auch sehr spalterisch wirkt, aber es ist
eine Science Fiction, die oft das Lesen zwischen den Zeilen verlangt, zu
dem sollte man den Protagonisten nicht glauben, denn sie führen den
Leser oft in die Irre. So fällt es dem Leser schwer gut und böse
überhaupt noch auseinander zu halten. "An ihren Taten werdet Ihr sie
erkennen!" - eine eingeschläferte Nazi-Armee wieder zum Leben zu
erwecken, um mit ihr ein Hippie-Konzert auszulöschen, können sich
vermutlich wirklich nur zwei zugekiffte Playboy-Journalisten ausdenken.
Und dann trieft dieses Buch nur so vor versteckten Freimauerer-,
Rosenkreuzer- und Illuminatensymbolen, denen Wilson seine eigene Sekte
entgegenhält, die Discordianer, die mir genau so unseriös erscheinen,
wie die Illuminaten. Der einzige der in dem Buch den Durchblick hat ist
der einzige fünffach Agent der Welt: Tobias Knight.

Ansonsten: Bitte lesen!
>> Paradoxa sind quasi die Grundlage seines Denken, er bezeichnet das ganze
>> als seine eigene Form von Hegels Dialektik (oder war es Kant's),
>
> Hegels.

Da muss ich erstmal Wikipedia konsultieren, und Du scheinst recht zu
haben. Aber es gibt auch noch eine *Transzendentale Dialektik bei Kant*.

Laut Wiki: Kant kannte eine transzendentale Dialektik, die ansetzt als
eine Logik des Scheins. Das sind die erklärbaren - aber nicht
auflösbaren - kosmologischen Widersprüche, in die sich die reine
Vernunft verwickelt, wenn sie ausschließlich auf Basis der
transzendentalen Kategorien und ohne Zuhilfenahme von Anschauung Fragen
wie Was war vor dem Anfang der Welt? stellt. Diese natürliche Dialektik
wird kritisch einer transzendentalen Vernunftkritik unterzogen, mit der
die "endlosen Streitigkeiten der Metaphysik" beendet werden sollen.
>> denn
>> laut ihm ist nicht das eine das Gegenteil des anderen, sondern um mit
>> Karl Marx zu sprechen: "These und Antithese ergeben immer eine Synthese."
>
> Es gibt logische und dialektische Widersprüche. Beides wird auf Deutsch mit
> dem gleichen Geräusch "Widerspruch" bezeichnet. Ein dialektischer
> Widerspruch liegt vor, wenn zwei oder mehr Dinge zueinander in einem
> Spannungsverhältnis stehen, das nach Auflösung der Spannung strebt. Ein
> logischer Widerspruch zwischen zwei Aussagen dagegen heißt, daß mindestens
> eine der beiden Aussagen falsch sein muß.

Okay, hier verstehe ich Dich. Allerdings muss ich anmerken, dass Robert
A. Wilsons Bücher als Science Fiction klassifiziert werden und somit
auch ein "logischer Widerspruch" völlig neu eingeordnet werden kann,
wenn Wilson die Logik von vornherein kippt bzw. als Gefahr und
Fehlerhaft darstellt. Meine rhetorischen Fähigkeiten reichen nicht aus
um diese Philosophie zu erklären.

Wiki schreibts dazu:

Über jedwede Sicht der Realität, die im Verlauf der Handlung vorkommt,
wird sich früher oder später auf irgendeine Art lustig gemacht, ganz
gleich, ob sie nun traditionell oder radikal, neu und gegenkulturell
daherkommt. Die Trilogie ist eine Übung in kognitiver Dissonanz, da eine
reichlich absurde Handlung um allem Anschein nach plausible, aber
unbeweisbare Theoreme herum konstruiert wird. Wilson selbst definiert
kognitive Dissonanz in seinem Essayband „Cosmic Trigger als „abrupter
Widerspruch im Realitätsmodell einer Person". Wer kognitiver Dissonanz
ausgesetzt worden sei, werde entweder „sehr flexibel und agnostisch"
oder „sehr rigide in seinen Überzeugungen und schizophren". Letztendlich
bleibt die Interpretation also dem Leser überlassen, ob die
widersprüchlichen Standpunkte, die von den Romanfiguren präsentiert
werden, gültig und plausibel sind oder es nur um Satire und Scherz
handelt. Der Roman selbst liefert also extrem widersprüchliche
Informationen, indem er einerseits erkennbar aus der Hippie-Bewegung und
der drogenerfahrenen Gegenkultur der amerikanischen Linken stammt,
andererseits aber ständig Verschwörungstheorien verbreitet, die zur Zeit
seines Erscheinens nur auf der extrem rechten Seite des politischen
Spektrums zu finden waren. Das beim Leser angestrebte Ergebnis dieses
Widerspruchs ist eben die beschriebene Bewusstseinserweiterung durch
Mindfuck.

Seine Vorgehensweise, erst ein einigermaßen überzeugendes System von
Behauptungen aufzustellen und es dann einzureißen, um es durch ein
anderes zu ersetzen, beschreibt Wilson als „Guerilla-Ontologie“.

MfG
--
Sven Konietzko
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