"Die Israel-Lobby" Verschwörungstheorie um ihrer selbst Willen
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"Die Israel-Lobby" Verschwörungstheorie um ihrer selbst Willen         

Group: de.alt.soc.verschwoerung · Group Profile
Author: Sven Konietzko
Date: Sep 22, 2007 04:55

Verschwörungstheorien haben immer dann Konjunktur, wenn wir uns eine
Politik nicht erklären können. Es muss trotzdem erlaubt sein, vor
Lobbys zu warnen, findet der Politikwissenschaftler Thomas Risse. Wenn
es denn seriös ist. Eine Kritik zum neuesten Verschwörungsbuch aus den
USA.

Verschwörungstheorien haben stets dann Konjunktur, wenn wir uns eine
Politik nicht erklären können, die doch offensichtlich in die falsche
Richtung zu führen scheint. Während des Kalten Krieges wurde die
amerikanische Hochrüstung von linken Friedensforschern häufig auf den
"militärisch-industriellen Komplex" zurückgeführt. Umgekehrt stand für
viele Konservative die Sowjetunion hinter den westlichen
Friedensbewegungen.

Heute haben John Mearsheimer und Stephen Walt, zwei führende Vertreter
der sogenannten realistischen Schule in den Internationalen
Beziehungen, das Problem, dass die Außenpolitik der Bush-Regierung so
gar nicht den Vorgaben ihrer Theorie über die geostrategischen
Interessen der USA im Nahen Osten entspricht.

Nach diesem Ansatz macht das enge Bündnis der USA mit dem Staat Israel
ebenso wenig Sinn wie der (bisher gescheiterte) Versuch, eine
Demokratie im Irak durch militärische Intervention zu installieren.
Also suchen Mearsheimer und Walt in ihrem Buch "Die Israel-Lobby"
(Campus-Verlag) die Erklärung in der amerikanischen Innenpolitik, was
ja durchaus Sinn ergibt.

Herausgekommen ist aber leider eine Verschwörungstheorie. Das Buch, bei
dem es sich um die erweiterte Version von bereits im Jahre 2006
publizierten Aufsätzen handelt, hat deshalb diesseits und jenseits des
Atlantiks für Furore gesorgt (SZ vom 5.9.07).

Denn Mearsheimer, der in Chicago, und Walt, die in Harvard
Internationale Beziehungen lehrt, kritisieren nicht nur die
US-Nahostpolitik als den amerikanischen Interessen abträglich. Sie
machen dafür eine "Israel-Lobby" verantwortlich, die dafür sorge, dass
Washington seit Jahrzehnten eine pro-israelische Politik betreibe.
Diese Kritik trug ihnen den Vorwurf des Antisemitismus ein.

Eine Kritik der US-Nahostpolitik und deren oft bedingungslosen
Unterstützung Israels ist natürlich nicht mit Antisemitismus
gleichzusetzen. Es muss auch erlaubt sein, auf die Existenz von
Lobby-Gruppen hinzuweisen, die sich vehement dafür einsetzen, dass
Washington die Politik Israels gegenüber Palästina unterstützt und
gleichzeitig den Staat Israel mit Milliardenbeträgen fördert.

Schließlich brüstet sich eine der Lobby-Organisationen, das American
Israel Public Affairs Committee (AIPAC), selbst damit, die wichtigste
Organisation zur Beeinflussung des amerikanisch-israelischen
Verhältnisses zu sein. Die Lobby-Tätigkeiten dieser und anderer
Organisationen kritisch zu analysieren, ist auch kein "Tabubruch".

Die schärfsten Kritiker der Politik Israels und deren Unterstützung
durch die USA trifft man schließlich in Israel und in den USA selbst.
Insgesamt sticht also der Antisemitismus-Vorwurf nicht und lenkt nur
von einer Auseinandersetzung mit den Thesen Mearsheimers und Walts ab.

Denn die Aufsätze und nun auch das Buch der beiden Autoren lassen
Grundregeln wissenschaftlicher Argumentation vermissen. Dazu gehört,
die verwendeten Konzepte klar zu definieren. Man sollte auch nicht nur
die empirischen Belege anführen, die die eigene Position unterstützen,
sondern auch Gegenpositionen kritisch beleuchten. An diese Regeln
halten sich Mearsheimer und Walt nicht.

Und auch schuld am Irak-Krieg

Zunächst definieren sie nicht, was sie unter "Israel-Lobby" verstehen.
Die Friedensbewegung "Jewish Voices for Peace", die wie israelische
Friedensgruppen die Besetzung Palästinas durch Israel ablehnt und die
Politik der Bush-Regierung scharf kritisiert, gehört ebenso dazu wie
christliche Fundamentalisten und die "Neokonservativen".

Zwar weisen Mearsheimer und Walt darauf hin, dass die meisten Juden
Amerikas eher linksliberale Positionen einnehmen und kaum zur
"Israel-Lobby" gezählt werden können. Im Endeffekt wird aber jeder
Versuch der Einflussnahme auf die amerikanische Außenpolitik, der im
Sinne israelischer Interessen gedeutet werden kann, der "Israel-Lobby"
zugeschrieben.

Es handelt sich um einen klassischen Zirkelschluss: Wer sich
pro-israelisch äußert, gehört zur "Israel-Lobby", deren Einfluss auf
die amerikanische Außenpolitik darin besteht, dass sich vergleichsweise
viele Akteure für Israels Interessen einsetzen.

Natürlich ist die "Israel-Lobby" nach Mearsheimer und Walt letztlich
auch an der Intervention im Irak schuld. Eine Koalition aus
Neokonservativen, jüdischen Konservativen und christlichen Rechten habe
die USA in den irregeleiteten Irak-Krieg getrieben.

Dabei übersehen die Autoren, dass die israelische Regierung das
Irak-Abenteuer durchaus mit gemischten Gefühlen gesehen hat, weil es
von der Bedrohung durch den Iran ablenkte.

Sie vernachlässigen auch die Veränderungen in der amerikanischen
Gesellschaft seit dem 11.9.2001, die erst ein "Fenster der Gelegenheit"
für Neokonservative und andere schufen, die schon immer das Regime
Saddams ablösen und die Verhältnisse im Mittleren Osten neu ordnen
wollten. Schließlich ignorieren Mearsheimer und Walt, dass es keiner
großen Lobby-Arbeit bedurfte, um George W. Bush zum Krieg gegen den
Irak zu bewegen.

Bedauerlich ist, dass Mearsheimer und Walt durch ihre Vorgehensweise
ihrem eigenen Ziel schaden, eine kritische Debatte über die
US-Nahostpolitik zu befördern. Denn diese Debatte ist dringend
notwendig - für Israel, den Nahen Osten, die USA und auch für Europa

Der Autor lehrt Internationale Politik an der Freien Universität Berlin.

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/,tt6m2/kultur/artikel/541/133293/
--
Sven Konietzko
ICQ: 45571052
YIM: maniac_sven
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