Re: das fehlende Jahrhundert
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Re: das fehlende Jahrhundert         

Group: de.alt.soc.verschwoerung · Group Profile
Author: Günter Lelarge
Date: Sep 30, 2006 16:10

Joachim Schmid wrote:
> Günter Lelarge lallte am 01.10.2006 00:05:
>
>>> Illig scheint seine eigene "Datierung" egal.
>>
>> Das stimmt! Wenn es eine bessere geben könnte, unterstützt er deren
>> Verbreitung.
>
> ROTFL!!! Hat Illig jemals eine seiner Behauptungen zurück genommen? Er
> würde nur unterstützen, was seine Buchumsätze nicht gefährdet.

Du irrst.

Er hat nicht nur Fomenkos Theorien vorgestellt, die seiner
widersprechen, sondern auch eine These eines Autors, der Illig gar nicht
kannte und 200 Jahre streichen möchte - aus der fundleeren Zeit.

Obwohl seine (nicht nur seine!) Phantomzeittheorie mit eiem nicht
nachweisbaren Karl, nicht nachweisbaren karolingischen Funden und vor
allem mit einer PFALZKAPELLE von 1100 in "Das erfunde Mittelater"
versucht wurde zu belegen, war ihm stets bewusst, dass etwas, das erst
ab 1110 WIEDER geschaffenw werden konnte, auch BIS 535 möglich gewesen
sein kann.

Niemitz und er waren ebenso Zeugen des Hoffmann-Vortrags wie Aachener
Forscher.

Im Gegensatz zu letzteren lieferten die Beiden einen in den
Zeitensprüngen einen Bericht, der hier noch zu keiner konträren
Diskussion führte, was Hoffmanns Argumente angeht - für eine Datierung
der "Pfalzkapelle" ins frühe 6. Jh. ...

Wer hohe Buchumsätze haben will, muss den Meanstream bedienen.

Du weißt aber auch nichts en detail, was hier falsch sein soll:

"Was kaum noch zu erwarten war, ist jetzt eingetreten. Mit Prof. Dr.
Volker Hoffmann von der Universität Bern hat ein Architekturhistoriker
die Aachener Pfalzkapelle unvoreingenommen betrachtet, kritisch geprüft
und ihre Lehrbuchdatierung angezweifelt. Dies geschah am 7. Mai dieses
Jahres, als Hoffmann seinen Vortrag vor der Kunstgeschichtlichen
Gesellschaft zu Berlin, im Vortragssaal des Kunstgewerbemuseums gehalten
hat.

Der Referent hat sich in seinem Forscherleben eingehend mit Kuppeln
beschäftigt, ob in Aachen, Florenz oder in Istanbul mit jener der Hagia
Sophia, und er hat über die Lateransbasilika gearbeitet, womit er
spätantike Bauten genau so kennt wie die mittelalterlichen. Insofern
durfte man gespannt sein, wie er über die Aachener Pfalzkapelle richten
würde. Gespannt sein durfte man um so mehr, als er eine Lanze fir eine
fiktive Kunstgeschichte brechen wollte. Aachen und Fiktionen - das klang
verheißungsvoll. Schließlich hatte er schon 1989 über den St. Galler
Klosterplan gesprochen und ihn als ersten fingierten Bauplan und das ihm
zu Grunde liegende Denkmuster als dasjenige einer Fiktion bezeichnet.

"Zum Wesen der Fiktion gehört es, daß sie voller Absicht mit falschen,
der Wirklichkeit nicht entsprechenden Annahmen operiert. Insofern
stellen die Widersprüche, die Ungereimtheiten und die Absurditäten des
Klosterplans keine wirklichen 'Fehler' dar, sondern entsprechen dem ihm
zugrundeliegenden Denkmuster" [Hoffmann 1995, 175].

Bei dem jetzigen Ansatz zu Aachen besteht die kunstgeschichtliche
Fiktion darin, so zu tun, als gäbe es keine Schriftquellen. Damit lässt
sich zumindest zeitweilig jener Freiraum gewinnen, der unerlässlich ist,
um einem Bauwerk unvoreingenommen zu begegnen, das wegen Einhards Vita
caroli magni in fast allen Köpfen untrennbar mit Karl d. Gr. und seiner
Zeit verbunden ist.

Dass dies nicht zwangsläufig ist, hat Hoffmann in Hat Karl der Große je
gelebt? [1994] gelesen, diese Wurzel genannt, betont, der Inhalt
verdiene ernst genommen zu werden und seinen Urheber gelobt, weil der
ihn aus einer Art Dornröschenschlaf gerissen habe. Deshalb hat er sich
eingehend mit den 24 Punkten beschäftigt, die beim Aachener Dom
anachronistisch wirken, und ist von diesen begründeten Zweifeln
weitergehend zu einem anderen Schluss gekommen, der für uns nicht aus
dem heiteren Himmel fällt. Der einzige Architekturhistoriker, der sich
bislang schriftlich mit diesen Thesen auseinandergesetzt hat, war Jan
van der Meulen, der 1997 trotz aller geharnischten Abwehr neuer Ideen
klar und eindeutig sagte:

"Ob das Mauerwerk und die Kuppel von Gallo-Römern, oder das Mauerwerk
von Karolingern und die Kuppel von Ottonen sind, bleibt offen bis
archäologische Kriterien gebracht werden" [Meulen 495].

Hoffmann hat nun weniger archäologische als architekturhistorische
Kriterien vorgetragen, nach denen Aachen keineswegs aus der Zeit kurz
vor 800 stamme, sondern aus der Zeit um oder kurz nach 500. Es ging ihm
weiter darum, für diesen Bau oströmische, also byzantinische Architekten
und Vorarbeiter nachzuweisen. Wir geben seine Argumente wieder, ohne sie
mit seinen Dias illustrieren zu können. Einschübe in runden Klammern
entstammen nicht dem Vortrag von Volker Hoffmann.

Der Referent zeigte als erstes eine Verbindung zur Landmauer von
Konstantinopel, wie sie in einer einschlägigen Monographie hergestellt
worden ist: Aachens Westportal ist in eine großen Nische eingelassen
(was heutigen Betrachtern wegen des barocken Vorbaus nicht mehr so ins
Auge springt). Ebenso besitzt die Landmauer von 412 mindestens eine
derartige Nische für ein Stadttor.

Ein weiteres Verbindungsglied ließ sich bei so genannten Überfangbögen
zeigen: zum einen bei einem Aachener Überfangbogen, dann bei
entsprechenden Bögen der östlichen Spätantike des 3., 4. und 5. Jh.

Bei Aachens Kuppel betonte Hoffmann, dass sie einfach gekonnt gemauert
ist. (Damit wird kein Geheimnis verraten, das Sven Schütte nicht hätte
kennen können [vgl. Illig 2004, 90]). Das ist den Photos der
Restauration aus der Zeit um 1900 zu entnehmen, die bei Freilegung der
Kuppelinnenseite gemacht worden sind. Eine Besonderheit: Die Kuppel
wurde nicht mit einem exakt geformten Schlussstein geschlossen, sondern
die finale Öffnung ist zunächst von unten verschalt und dann mit
Steinbrocken und Mörtel gefüllt worden. Dieselbe Technik ist in einem
byzantinischen Audienzsaal gegen 570 angewendet worden.

Die Kuppel ist aus Hausteinen mit einem Ziegeilkleinmörtel gemauert,
wobei die Steine zum Teil ineinander verhakt gelegt sind. Im Umgang des
Erdgeschosses greifen die Gratsteine dieses wabenfbrmigen
Kreuzgratgewölbes wie ein präzis gearbeiteter Reißverschluss ineinander.
Diese Technik ist auch an den Gewölbeanfängen im Oktogon zu studieren.
Als Vergleichsstück wurde allerdings kein Haustein-, sondern ein
Ziegelgewölbe gezeigt, das unter Justinian am Euphrat gebaut worden ist.
Ein weiterer Vergleichsbau ist das berühmte Grabmal des Theoderich in
Ravenna, bei dem diese Verhakung beim Gewölbe des unteren Raumes
auftritt. Dieses Mausoleum ist zu Lebzeiten Theoderichs, also vor 526
fertig geworden und sicher ebenfalls von byzantinischer Seite aus
beeinflusst worden.

Die überaus exakte Ausführung der Aachener Kuppel hat Hoffmann mit einem
Laserscanner nachgemessen. Sie ist genau genommen ein Klostergewölbe,
besitzt also keinen Kreis als Grundform, sondern ein Achteck, über dem
acht Kappen zum gegossenen Schlussstein geflthrt worden sind. Über den
acht Eckbasispunkten laufen die Grate in sauberen Halbkreisen, über den
Kappenniitten ergeben sich halbe Ellipsen. Insgesamt ist hier äußerst
präzise gebaut worden.

Die steigenden Gewölbe im Emporengeschoss haben ein Gegenstück aus dem
Theater von Side in Pamphilien, das allerdings deutlich älter ist
(naheliegender wäre hier ein derartiges Gewölbe aus dem 11. Jh.: St
Philibert in Tournus).

Die eisernen, zum Teil mit Blei umgossenen Ringanker sind für alle
Seiten ein ungelöstes Problem. Denn es gibt sie in keinem vergleichbaren
Bauwerk vor der Gotik. Und in der Antike? Für Westrom gibt es gar kein
Pendant, in Konstantinopels Hagia Sophia liefen eiserne Zuganker offen
zwischen den Pfeilern (wie später in den venezianischen Kirchen der
Gotik). Aber sie sind nicht mit Ringankern zu vergleichen. Nicht zuletzt
bleibt auch das Schmieden der bis zu 10 m lange Stangen ein
technologisches Rätsel für eine bauarme Zeit.

Ein weiteres Rätsel ist der Bautypus und seine Funktion. Wenn alle Welt
von einer Kirche spricht, dann müsste sich auch alle Welt wundern, dass
die Kirche in ihrer ursprünglichen Form, also vor Anbau des gotischen
Hochchors, ein geradezu kümmerliches Sanktuarium hatte, in dem nur ein
einziger Priester zelebrieren konnte: einen Raum von 5 m Breite und 3 m
Tiefe. Die Vergleiche mit Byzanz zeigen, dass dort Oktogone nicht mit
einer bestimmten Bauaufgabe verbunden waren. Als Kirchen wurden nur
Exemplare in Antiochia, Ravenna (mit großem Presbyterium) und in
Konstantinopel genannt. In dieser Stadt gab es noch zwei kaiserliche
Audienzsäle, die erst später zu Kirchen umgewidmet worden sind. Wer eine
ursprünglich profane Nutzung des Aachener Oktogons für unvorstellbar
hält, sollte wissen, dass selbst das gewaltige Rund von S. Stefano
Rotondo in Rom schon als ursprüngliche Audienzhalle gesehen worden ist.
Insofern gab Hofflnann zu bedenken, dass der Aachener Bau eigentlich als
Audienzhalle oder als Mausoleum geplant worden sein könnte. Immerhin
wäre das Sanktuarium fir einen Sarkophag groß genug.

Schließlich zeigt die Konstruktion des Bauwerks, dass mit dem
byzantinischen Fußmaß von 30,89 cm gearbeitet worden ist. Dieses Maß ist
kein Postulat oder Desiderat, sondern an einem Aquädukt in Israel
ablesbar. Mit diesem Maß ergeben sich zwei Quadrate von 100 bzw. 106 Fuß
Seitenlänge,

aus denen alle übrigen Maße gewonnen worden sind. (Dieselbe
Planungsgrundlage von 100 : 106 fanden Hoffmann und sein Mitarbeiter
Nikolas Theocharis in Konstantinopels Hauptkirche. Sie kamen zu dem
Schluss, dass

"in der Hagia Sophia wohl keine bauplanrelevanten Punkte und Linien zu
finden sein dürften, die sich nicht mit geometrischer Logik aus diesem
Mutterriss ableiten liessen" [dpa].

"Vereinfacht könnte man sagen: würde der Mutterriss mit Pflöcken und
Schnüren auf dem Bauplatz abgesteckt, dann bräuchte der Baumeister
lediglich das Doppelquadrat einzumessen und schon liessen sich alle
anderen Punkte (Pflöcke) und Linien (Schnüre bzw. Visierlinien) der
gesamten Hagia-Sophia-Architekturelemente sehr genau übertragen" [BAZ
2004].

Auch hier brachte ein Laserscanner jene neuen Erkenntnisse, die ein ganz
altes Wissen darstellen: ein Projektionsverfahren, bei dem sich Quadrat
und Kreis umfangen sowie dreidimensional als Würfel und Kugel
durchdringen Vitruvs Analemma.)

Damit ging Hoffmann auf die Bronzearbeiten von Aachen über. Erheblichen
Handlungsbedarf gäbe es bei den berühmten Bronzegittern. Hoffmann
gehörte einer Forschungsgruppe an, die diese Kunstwerke sauber
vermessen, fotografieren und im Detail untersuchen wollte. Weil die
Deutsche Forschungsgesellschaft hier überhaupt keinen Forschungsbedarf
mehr erkannte, wurde zwei Anläufe für das bescheidene Vorhaben gestoppt.
Dabei hat sich noch niemand im Detail mit den verschiedenen Motiven
beschäftigt.

Und niemand hat sich bislang mit den erkennbaren Reparaturen
beschäftigt. Wenn beim Guss solch großer Teile einige Luftblasen die
Außenhaut durchschlagen, dann müssen die entstandenen Löcher kaschiert
werden. Die in Aachen durchgeführten Reparaturen sind perfekt in antiker
Manier ausgeführt. Die entsprechend zugeschnittenen, eingesetzten und
festgehämmerten Bronzestücke sind kaum erkennbar. Vergleiche am
kolossalen Bronzekopf Kaiser Konstantins oder an einer Bronzearbeit aus
der Hagia Sophia zeigen ähnliche Nachbesserungen.

Nebenbei gab der Referent zu bedenken, dass Gussstücke dieser
Dimensionen eine Technik und eine Tradition voraussetzen, wie sie um 800
keinesfalls gegeben waren, wohl aber am Ende der Antike.

Die Alterseinschätzung der Aachener Pfalzkapelle hat Hoffmann wie folgt
getroffen. Ihn leitete das Prinzip der übergreifenden Form, das sich am
leichtesten anhand einer Arkade zeigen lässt. Über zwei Ringarkaden wird
eine weitere Ringarkade gelegt, über zwei dieser größeren Ringarkaden
dann vielleicht noch ein Jochbogen. Dieses Prinzip wird in San Vitale,
Ravenna, um 540 beobachtet. Eine weitere Kirche mit diesem Formprinzip
ist um 530
in Konstantinopel gebaut worden: Sergios und Bakchos. Die
Arkadenstellungen im Aachener Oktogon zeigen gemäß Hoffmann dieses
Prinzip erst ansatzweise; ergo muss dieser Bau der älteste der drei
sein. Damit korrespondiert ein wichtiger Umstand: Aachen zeigt nichts
von der neuartigen Bauomamenirk von San Vitale oder von der
anschließenden justinianischen Zeit, also z.B. keines der bekannten
Korbkapitelle, so dass es bislang auch nie als byzantinischer Bau
angesprochen worden ist."

(Illig/Niemitz_ "Aachen alt, ganz alt oder noch älter? Eine
Neueinschätzung durch Volker Hoffmann", in: Zeitensprünge 2/2004)

Und wenn es nur das wäre!

- Prof. Hoffmann datiert die Pfalzkapelle mit guten Gründen nach ca.
525.

- Prof. Hoffmann datiert die Bronzegitter der aachener Pfalzkapelle
"antik"

- Der Ausgräber der Aachener Bronzegusswerkstatt datiert diese
römisch.

- Der Ausgräber Schmidt-Wöpke datiert den Mörtel des Fundaments des
Oktogons der Pfalzkapelle römisch.

- Der Dombaumeister hat den Eindruck, dass die Ergebnisse der
Ausgrabungen um 1910 "totgeschwiegen" worden wären.

- Der Dombaumeister hat den Eindruck, dass der Ausgräber Schmidt-Wöpke
absichtlich nicht mehr erwähnt wird.

- Massen schriftlichen Grabungsunterlagen und Reste der
Bronzewerkstatt gingen an verschiedenen Orten verloren.

- Es gab von den umfangreichen Grabungen keine abschließende
Publikation der Grabungsergebnisse.

- Der Dombaumeister Siebigs beklagt, dass man ihm Nachgrabungen am Ort
der römischen Bronzewerkstatt ablehnte.

- Hoffmann beklagt, das auch kein Interesse an einer Abklärung des
Alters der Aachener Bronzegitter besteht.

- Reparaturspuren an den Bronzegittern belegen ihre antike Entstehung.

- In der Karolingerzeit sind solche Bronzegussarbeiten beispiellos.

Günter
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